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Gaiman

Gaiman: „Das herausgeputzte Dorf (…) präsentiert walisische Gemütlichkeit. (…) Man kann (…) stundenlang Tee trinken, (…) sich beim Spaziergang an den gepflegten Gärten, Rosenstöcken und niedlichen Häuschen erfreuen. Jeder scheint in dieser walisischen Musterkolonie vom Tourismus zu leben“.

So steht es im Reiseführer. Und weil wir gerne stundenlang Tee trinken (nein, eigentlich Kaffee, aber man kann ja mal eine Ausnahme machen) haben wir einen kleinen großen Abstecher von unserer eigentlichen Reiseroute gemacht und einen Ausflug nach Gaiman eingeschoben. Gaiman liegt ein paar Kilometer im Hinterland von der Atlantikküste entfernt. Eigentlich mitten im patagonischen Nichts. Büsche, Sträucher und Zäune. Mehr würde man landschaftlich nicht erwarten. Aber Gaiman liegt in einem kleinen windgeschützten Tal an einem Flüsschen, der Oleander blüht, die (vereinzelten) wilden Rosenstöcke auch und Bäume gibt es hier in rauen Mengen (wenn man den zahlenmäßigen Vergleich zu Restpatagonien bemüht).

Beim Rest des Ortes muss man aber die Frage erlauben, ob der Autor des Reiseführers selbst überhaupt hier war. Nun ja, vielleicht ist es eine Frage der Relation, ob man „walisische Musterkolonie“ nun so oder so betrachtet. Nach einem ausführlichen Ausflug in die Stadt wäre ich, soweit ich Waliser wäre, aber einigermaßen stinkig. Ich war noch nie in Wales, lehne meine Sichtweise an die Erzählungen anderer an, aber unter „walisischer Gemütlichkeit“ stelle ich mir etwas anderes vor. „Niedliche Häuschen“ haben wir ebenso wenig gesehen, wie gepflegte Gärten und wo die vermeintlich unzähligen Touristen überhaupt unterkommen sollen, ist mir jedenfalls ziemlich schleierhaft. Hotels haben wir keine gesehen, Ferienwohnung & Co., so wie sie in anderen argentinischen Städten an der Perlschnur aufgereiht zu finden sind: Fehlanzeige. Und unser Campingplatz auf dem Gelände der Bomberos (freiwillige Feuerwehr) ist an negativer Einstellung gegenüber Gästen kaum zu überbieten: Die Menschen nicht sonderlich freundlich, der Platz eine Mischung aus Schrott- und Campingplatz, zwei einsame Labradore, die in einer Ecke im Zwinger hinter Gittern ein lustloses, trauriges Dasein verbringen, die Banjos für Damas y Caballeros seit Wochen nicht mehr mit Putzmitteln in Berührung gekommen.

Gaiman und seine Sehenswürdigkeiten

Das Teemuseum der Stadt gibt es noch, die größte Teestube steht mitterweile zum Verkauf und die vielen Hinweise auf die walisische Herkunft der Einwohner scheinen auch mehr und mehr zu verschwinden. Allein den Leuten auf der Straße sieht man noch an, wo ihre Vorfahren geboren wurden. Die drei alten Damen, gepflegt im Strickjäckchen, mit Handtasche bewaffnet, hätten ihren Wegesplausch auch gut und gerne mitten in London halten können, der orange-rothaarige Mann mit dem breiten Lachen vor dem „pitoresken“ Bankgebäude kann seine Herkunft von der Insel auch nicht wirklich verleugnen. Der einzige Rothaarige, den wir bisher in Südamerika gesehen haben.

Es gibt eine Pferdefigur am Eingang zur Stadt, einen alten Eisenbahn-Tunnel von 1914, der geschlossen wurde und, tja, also, äh …. Oh, halt, da war noch was, Lady Di war mal hier und hat Tee getrunken. In einer der Teestuben, von denen es viele auch nicht mehr zu geben scheint. Also Lady Di, also die Di, war auch schon mal in Gaiman.

Gaiman – so unser Eindruck – ist nicht gemütlich. Es ist nicht niedlich und auch nicht sonderlich gepflegt. Okay, vielleicht haben wir einen falschen Tag in der Vorsaison erwischt, vielleicht ist Gaiman im argentinischen Sommer die Vorzeigekolonie walisischer Einwandererkultur. Vielleicht ist Gaiman aber auch nur das, was es im Reiseführer ist: eine Randnotiz auf Seite 320 in der Rubrik Ausflüge. Sehenswürdigkeiten: keine.

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