No entiendo nada

Wir waren zu schnell, hat er gesagt. Wir sind über die Linie gefahren, hat er dann gesagt. Und Schlangenlinien sind wir gefahren, hat er auch gesagt. Und eine 200$-Strafe hätte er jetzt verhängt, hat er gesagt.

Nur, wir haben nichts verstanden. Der Google Übersetzer hat auch nicht geholfen. Und während er fast verzweifelt ist und wir ganz stur so getan haben, als würden wir keine Wort verstehen, da hat er uns 100$ als Verhandlungsbasis angeboten.

Nach 20 Minuten ist er dann bösen Blickes abgezogen. Ohne Geld, aber mit dem nochmaligen Hinweis, dass er ja von der Polizei sei.

Danke, auf solche Polizisten können wir gut und gerne verzichten.
Der anfängliche Ärger über korrupte und bestechungswillige Polizisten ist dann sehr schnell der Belustigung gewichen: Was für ein Depp!

Wir waren via iOverlander vorgewarnt. Nichtsdestotrotz bleibt ein sehr fader Beigeschmack. Das Abzocken von Touristen scheint dort Masche zu sein und Methode zu haben. Schade, macht unsere Erinnerungen an Peru nicht schöner :-(

Update Juli 2017: Zwischenzeitlich sind alle Einträge über korrupte Polizisten und Wegelagerer in dieser Gegend auf iOverlander gelöscht worden. Davon gab es vorher schon eine Handvoll. Ich bezweifle, dass sich das Problem so schnell in Luft aufgelöst hat. Falls ihr dort also unterwegs seid: Take care and „no fumar espanol“.

Policeman on bike tried to get money from us for speeding, which we definitely did not do. We pretended not to unterstand a single word for 20 minutes.
He gave up then after trying to reduce the „multa“ (fine) form 200 to 100 soles. What a shame!

Drive carefully, do not cross the yellow lines and be aware of the nice officer on his bike (licence plate EP-4727). Safe travels!

Traumstrände

50 Meter abseits der Panamericana liegt ein kleines Paradies. Kilometerlange Sandstrände, menschenleer, das Wasser mit Badetemperatur. Und zur Krönung: 10 Stunden Sonnenschein am Tag. Hier kann man es ein paar Tage aushalten.

Die Toten von Chauchilla

Irgendwann um das zweite Jahrhundert ist der Friedhof bei Chauchilla, ein paar Kilometer südlich von Nazca entstanden. Entdeckt wurde er erst 1920, dann auch unmittelbar von Grabräubern auseinander genommen; eine Vielzahl von Knochen und Schädeln ist auch heute noch quer über die Ebene verteilt.
Seltsam anzusehen ist der Friedhof auch deswegen, weil die Toten dort sitzend beerdigt wurden. Die von den Grabräubern wahllos verteilten Skelette sind heute wieder weitestgehend im Originalzustand zusammengestellt. Seit 1997 erst ist die Grabstätte von Seiten des peruanischen Staates geschützt.

Die trockene Luft und der stetige Wind in dieser Gegend des südlichen Perus sorgten für eine Mumifizierung und die gute Erhaltung der Skelette, die dort vor 1.500 bis 1.800 Jahren sitzend beerdigt wurden.

Beeindruckend ist nicht nur der gute „Zustand“ der Skelette, sondern auch die Tücher und Gegenstände, die den Grabkammern beigefügt wurden.

Der Friedhof ist über eine 7 Kilometer lange Sandpiste direkt von der Panamericana aus zugänglich. Er ist klein und übersichtlich, die Besichtigung bei zugigem Wind dauert keine halbe Stunde. Aber der Ausflug lohnt sich!

ESO European Southern Observatory Paranal

Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr Zweitausendsiebzehn nach neuer Zeitrechnung. Eine Horde unerschrockener Astronomen, Astrophysiker und eine Handvoll Nerds vom Format eines Lennard Hofstadter sitzen mitten in der chilenischen Wüste und schauen in die Sterne.

Dort oben, auf dem Cerro Paranal steht seit über 50 Jahren (!) eines der größten Teleskope, die es momentan auf der Erde gibt; das VLT, das Very Large Telescope. Und schräg gegenüber, auf dem Cerro Armazonas entsteht gerade das E-ELT, das European Extremly Large Telescope. Und das ist dann definitiv das Größte, wenn es denn mal fertig ist, so in zehn Jahren ungefährt.

Wir hatten das große, große Vergnügen, einen Ausflug dorthin machen zu können. Jeden Samstag gibt es die Möglichkeit, sich das ESO Telescope anzusehen, in dessen Gästehaus Teile des James Bond Filmes „Ein Quantum Trost“ gedreht wurden. Im Film ist die Residenz der Wissenschaftler ein Hotel und steht auch nicht in Chile, sondern in Bolivien. Anschauen konnten wir uns auch dieses zumindest in Teilen.

Unser Guide Vladimir, selbst nur „Tourist-Guide“ führte uns durch Gelände, Kontrollzentrum und nahezu die gesamte Anlage. Kurzweilig und informativ, wenn auch die für uns entscheidenden Fragen oft unbeantwortet blieben. Solange, bis Dr. Steffen Mieske zufällig auf uns stieß und sich mit Fragen löchern ließ, solange unsere Zeit reichte. Was kostet eine Betriebsstunde? Was kann man alles sehen? Kann man durch Wolken schauen? Wie groß kann ein Teleskop sein? Und und und … Vielen Dank nochmal hierfür, Steffen!

Wenngleich wir beide auch keine Astro-Nerds sind, war der Paranal-Besuch doch ein kleiner Traum, der wahr geworden ist. Einmal sehen, wer und was hinter den atemberaubenden Fotos aus dem All steckt. Einmal fassen können, was man sonst nicht versteht. Und einmal kurz davon träumen, was man machen würde, wenn man das Leben nochmal von vorne beginnen könnte.

Atacama und die Ruta del Desierto

„Atacama, Sergio, neuer Wunderstürmer von Bayer Leverkusen“, schrieb mein Mitschüler Thorsten O. damals in der Klausur auf die Frage nach selbiger Wüste. Ich hätte nicht gedacht, jemals hierhin zu kommen. Dass es für diese Antwort nur null Punkte gab, habe ich aber nicht vergessen.

Die Atacama ist die trockenste Region der Erde. Sie zieht sich über hunderte Kilometer entlang der chilenischen Pazifikküste bis in die Anden hoch. Und eigentlich hört sie in Chile nur deswegen auf, weil die Grenze nach Peru ihr einen unnatürlichen Strich durch die Landschaft macht.

Durch die Atacama führt die Ruta 5 Norte, der Panamerican Highway. Und weil der inzwischen ab Santiago de Chile durchgängig asphaltiert ist, kommt man auch ziemlich zügig durch die Wüste. Vorausgesetzt, man hat genug Sprit im Tank. Denn Tankstellen oder gar Ortschaften sind hier ziemliche Mangelware. Ganz im Gegensatz zur patagonischen Einöde in Argentinien zum Beispiel.

Wir beide sind nun nicht die „Wüstentypen“, wüste Typen gleich gar nicht, aber die Atacama hat schon ihren Reiz. Mal platt wie eine Flunder, mal die riesigen Anden mit schneebedeckten Gipfeln fast in Reichweite; als könnte man den Arm aus dem Fenster strecken und einen Sechstausender anfassen. Mal ist die Wüste im Westen eingefasst von schroffer Pazifikküste, mal im Osten von wunderbar grünen Oasen. Stundenlang sieht man nichts. Und auf einmal fährt man in ein großes grünes Loch, in dem die wundersamsten Pflanzen grünen.

Neben unserem Besuch des ESO Observatories auf dem Cerro Paranal war die Übernachtung mitten in der Atacama ein absolutes Highlight unseres Trips entlang der Panamericana. Tagsüber warm, die Sonne bruzelt auf den mehr als zweieinhalbtausend Höhenmetern ordentlich auf den Pelz, wird es nachts knackig kalt. Und ruhig. Still. Totenstill. Es ist nichts zu hören. Absolut nichts mit Ausnahme des Rauschens des Blutes im eigenen Ohr. Die Sterne zum Greifen nah, so unglaublich hell. Kein Wunder, dass hier oben das ein oder andere Weltraumteleskop steht: Lichtverschmutzung ist hier nahezu unbekannt.

Wir haben uns sehr schnell an diese unglaubliche Stille und Einsamkeit gewöhnt. So schnell, dass wir Nachts beim leisesten Geräusch aufgewacht sind. So ein Land Rover macht halt ab und zu auch leise Geräusche. Nur haben wir die bisher nie gehört. In der Atacama schon, als wir beide auf einmal hellwach im Bett saßen …

Paso de Agua Negra

Der Paso de Agua Negra. Wenn man, so wie wir, eine Panamericana-Reise macht, meistens entlang des Straßennetzes, manchmal aber auch ein bisschen rechts und links über den Tellerrand schauend, dann plant man vorher, welche Orte man besuchen will, was man sehen möchte. Das Programm von Ushuaia bis Alaska ist stramm, es bleibt nicht die Zeit in Südamerika jeden Stein umzudrehen. Vieles, was in Reiseführern beschrieben steht, stellt sich hinterher eh als fauler Apfel heraus (so unser Paradebeispiel Gaiman).

Einer der Punkte, den wir auf keinen Fall auslassen wollten, ist der Paso de Agua Negra. Keine Sehenswürdigkeit im eigentlichen Sinn, sondern eine von vielen Möglichkeiten, die Anden zwischen Chile und Argentinien zu überqueren. Vor der Reise wussten wir nicht, dass die Anden-Pässe zu den Highlights unseres Trips gehören würden. Der Paso Tromen o Mamuil Malal zum Beispiel oder auch der Paso Roballos. Der Agua Negra war aber von Anfang an ein Muss.

Paso de Agua Negra – die schönste Verbindung in Südamerika

Irgendwann haben wir mal Bilder vom Pass im Internet gesehen: staubige Straßen, rote Berge und weiß-gelbe Eisfelder, die Büßerschneefelder. Es war ein bisschen Liebe auf den ersten Blick. Und wie das mit so einer Schockverliebung im Internet ist, man muss sich irgendwann Auge in Auge gegenüberstehen und sehen, ob es nur spontanes Aufflammen ist oder gar eine gludernde Lot, eine lodernde Glut.

Der Paso de Agua Negra verbindet Chile und Argentinien, irgendwo nördlich von Santiago de Chile. Er ist der höchste befahrbare Pass zwischen Chile und Argentinien und steigt an seinem Scheitelpunkt bis auf 4.778 Meter an. Wegen der hohen Höhe ist der Pass meistens nur von Dezember bis März geöffnet, manchmal auch nur im Januar und Februar. Immer dann, wenn es keinen Geröllabgang gab und wenn die Straße, die Schotterpiste auf chilenischer Seite überhaupt befahrbar ist.

Auf dem Weg nach Vicunja, unserem Ausgangspunkt für die Passüberquerung treffen wir Alex und Markus, die seit Monaten mit ihren Fahrrädern in Südamerika radeln. Zum Abschluss der Reise sind sie mit einem geliehenen Pickup unterwegs. Eigentlich wollen sie ins Pisco-Tal, entscheiden sich aber spontan um und fahren mit uns am nächsten Tag den Pass hinauf.

Im Mini-Konvoi fahren wir bis zur Grenzstation auf chilenischer Seite. Die Zöllnerin begrüßt uns mit einem freundlichen „Guten Morgen“, als sie unsere deutschen Pässe sieht. Ja, bestätigt sie, wir müssen nicht formell ausreisen, sondern dürfen einfach die Pässe hinterlegen. Nichts ist los am Grenzübergang. Weder in die eine Richtung, noch in die andere. Das war wohl die zweitschnellste Grenzabfertigung auf unserer Reise.

Off Road. Nicht unanstrengend.

Fünfzehn Kilometer geht die Straße asphaltiert hoch. Wir befinden uns auf knapp 2.000 Metern Höhe, noch mehr als weitere zweitausendfünfhundert liegen vor uns. Auf der argentinischen Seite ist die Straße bis hoch auf den Pass geteert, man kann schnell fahren und viel verpassen. Chile schickt sich an, weite Teile „seines“ Passes auch zu verdichten, wir freuen uns diebisch, dass wir noch auf Rippio und Schotter fahren können. Nicht, weil das so schön ist, nicht weil es nicht unanstrengend ist, einfach nur, weil es zu viel mehr Zeit und viel mehr Muße zwingt.

Geschafft …. wir sind auf 4.778 Meter über dem Meer

Muße, um alle paar Kilometer einen Zwischenstopp einzulegen und die Landschaft zu genießen. Noch ist der Weg gesäumt von Kakteen, das zarte Bergbächlein bringt an seinen Ufern Grün zum Wachsen, die Berge fangen an, sich zu verfärben. Erst sind sie grau-braun, dann schimmern sie ein bisschen rot. Je höher wir kommen, desto bunter werden sie. Mal gelb wie Safranreis, mal grün wie ein bemaltes Osterei. Ein See, der sich irgendwo im Nichts auf Bergpässen nährt, schimmert erst grün, dann in sagenhaftem blau und hinterher rot. Wir haben keine Ahnung, wie diese Farbe zustande kommt, aber der See ist irgendwann einfach richtig rot …

Der Anstieg wird steiler, die Straße schmaler und der Verkehr dichter. In unsere Richtung bewegt sich fast niemand, entgegen kommen uns unzählige Autos mit argentinischen Nummernschilder, alle im Urlaub, alle auf der Flucht vor der Hitze an die Pazifikküste. Nur ein paar Autos quälen sich mit uns zusammen die einspurige Passstraße hinauf. Und manche geben auch auf. Stau auf dem Weg. Irgendwo jenseits der Viertausend. Ich steige aus, will sehen, ob ich wie auf der Carretera Austral wieder jemanden mit der Seilwinde bergen muss, und lege einen kleinen Zwischenspurt ein. Markus kommt seltsam gemächlichen Schrittes hinter mir her. Und schon wir mir klar, warum. Höhenluft. Schon nach wenigen Schritten fehlt mir der Atem. Komplett. Die Lunge zieht sich zusammen, saugt den Sauerstoff ein, der Puls schnellt in die Höhe. Das ist das also. Langsam!

Höhenrausch dort oben

Der liegengebliebene Suzuki wird später abgeschleppt, wir setzen unseren Weg weiter fort, Kurve um Kurve, vorbei an den ersten Eisfeldern. Und jeder Fotostopp wird gemächlicher. Die Luft wird dünner, leichte Kopfschmerzen machen sich schon bemerkbar, als wir 180 Kilometer hinter Vicunja den höchsten Punkt erreichen. Wahnsinn, 4.778 Meter. Noch nie waren wir so hoch und wir bezweifeln, so schnell nochmal auf diese Höhe zu kommen. Wir sind vom Agua Negra restlos begeistert!

Der Wind pfeift ganz schön auf dieser Höhe und die Sonne brutzelt, wie sie kann. Eine kleine Brotzeit, ein Tomatensalat, ein Coca-Bonbon gegen den Höhenkoller. Mein Baseballcap weht der Wind davon und ich spurte hinterher. Mit bekanntem Erfolg. Zwar habe ich die Bemützung schnell wieder, dafür aber auch gleich einen ordentlichen Schwindel. Die Höhe, knapp fünftausend Meter, ist nicht zu unterschätzen. Und deswegen treten wir nach einer guten Stunde auch wieder den Rückweg an. Nicht den gleichen Weg zurück, sondern die andere Variante der einspurigen Passstraße. Und die hat es in sich.

Schnee und Eisfelder so hoch wie unser Auto. Fast zwei Meter ragen die Büßerschneefelder am Agua Negra in die Höhe, glitzern in der prallen Sonne, zeigen die Schönheit, Einzigartigkeit der Natur. Mich trifft es wie der Schlag. Das zu sehen, das live erleben zu können … Bilder zeigen nur einen Bruchteil der Wirklichkeit. Ich sehe viel mehr, als ich auf den Internet-Bildern gesehen habe, die uns erst hierher geführt haben.

Ich bin total geflasht. Höhenkrankheit? Sauerstoffmangel? Nachträglich ist mir egal warum. Ich bin so überwältigt von der Einzigartigkeit und Schönheit der Natur, vom Glück, das wirklich sehen zu können, dass ich von jetzt auf gleich heule wie ein Schlosshund. Bremsen, Warnblinker, Pause.

Das Glücksgefühl steigt in mir hoch wie das Thermometer in einem heißen Kochtopf. Tränen rinnen und ich bringe keine einziges Wort heraus. Schneuzen und heulen, dazwischen der Versuch, zu erklären. Es hilft nichts. Kilometer über Kilometer halten wir immer wieder an, ich heule, lache, weine, schweige. Ultimatives Glück!

Als wir viele Kilometer weiter einen kleinen Foto-Stopp einlegen, weiß Alex, wie es mir geht. Schön, dass sie dabei sein können, wenn ich das so erlebe, sagt sie. Schön, dass sie dabei sind, geteiltes Glück soll doppeltes sein, sagt man.

Ganz Argentinien will an den Pazifik

Der Weg schlängelt sich in der Hitze des Nachmittags den Berg herunter, nullkommasieben Grad pro hundert Meter wird es wärmer, sagt Markus. Der Temperaturanstieg spürbar und wir freuen und schon geraume Zeit auf den schnellen Grenzübergang, den zweitschnellsten unserer Reise. Bis wir um diese komische Kurve kommen, hinter der eine Schlange die Straße blockiert. Sie klappert nicht, sie rußt. Aus dem Auspuff der unzähligen Autos mit argentinischem Kennzeichen. Was morgens noch schnell und unbürokratisch vonstatten ging, sollte sich jetzt, in der Nachmittagshitze, zu einer endlosen Quälerei entwickeln.

Nicht so mit den Damen. Alex und Hase machen sich zu Fuß auf den Weg zum tausendeinhundert Meter entfernten Grenzpunkt. Und während wir, die Herren, die Autos bewachen, regeln sie mit weiblichem Charme und deutschen Pässen, wie wir über die Grenze kommen, nach Chile wieder einreisen dürfen.

Die Münder stehen offen, die Fragezeichen sind deutlich sichtbar, als wir mit zwei Autos und warnblickend an der ganzen Schlange vorbei Richtung Grenzerhäuschen rollen. Kein stundenlanges Warten, kein brüten in der Hitze, kein gelangweiltes Zeitvertreiben. Einfach durchrollen.

Der Grenzer erwartet uns mit unseren Pässen winkend, öffnet uns Freude strahlend die Schranke und entlässt uns in die chilenische Freiheit.

Paso Tromen o Mamuil Malal

Auf der südlichen Etappe unseres Panamericana-Trips haben wir unzählige Male die Anden überquert, von Argentinien nach Chile, von Chile nach Argentinien und immer wieder zurück. Wenige der Grenzübergänge sind dabei mit europäischen Grenzen vergleichbar. Die meisten sind mehr oder minder gut ausgebaute Bergpässe, ein Grenzerhäuschen hier, Niemandsland, und ein weiteres Grenzerhäuschen dort. Dazwischen bis zu achtzig Kilometer staatenlose Bergwelt.

Wie schon der Paso Roballos gehören die Fahrten über die Bergpässe immer zu den Highlights unserer Reise. Mangels Nähe zu Städten, Dank fehlender Infrastruktur, sind die Gegenden meist gänzlich unbewohnt. Nur ein paar vereinsamte Zöllner sitzen dort oben und vertreiben sich die Zeit bis zum nächsten Grenzgänger mit Blumen zählen oder dem Sortieren von Durchschlägen. Einzige Verbindung zur Aussenwelt ist ein CB-Funkgerät.

Auch wenn es nicht überall so einsam ist, wie am Paso Roballos, die Abgeschiedenheit geht einher mit wunder, wunder, wunderschöner Landschaft. So wie am Paso Tromen o Mamuil Malal. Von Bariloche aus führt die Straße über die Ruta de los 7 Lagos (Straße der sieben Seen) bis hinauf zum Grenzkamm.

Wüstenlandschaft auf argentinischer Seite, linker Hand immer den Vulkan Lanin (3768 Meter) im Blick, durch Araukarien-Wälder, die so aussehen, als hätten noch Dinosaurier an ihren spitzen Blättern geknabbert.

Nichts, was man wirklich in Worte fassen kann. Wer gerne fährt, wer roadtrippt, dem seien die vielen Pässe ans Herz gelegt. Der Paso Tromen o Mamuil Malal nur stellvertretend für viele andere. Nun gut, zuviel der schnöden Wort, lasset endlich Bilder sprechen.

 

Ruta del Mar

Die Ruta del Mar kommt weder in einem unserer Reiseführer vor, noch hatten wir sie auf dem Plan. Viel mehr war sie für uns ein Zufallsfund auf dem Weg von den Termas Geometricas zu Michael, Anneke und Jürgen in La Barca an der Pazifikküste Chiles. Auf der Suche nach einem nächtlichen Zwischenstopp sind wir einfach drauf los an die Küste und auf diesem wunderschönen Abschnitt gelandet.

Die Ruta del Mar zieht sich von Pelluhu über Constitucion bis nach Llico entlang des Meeres über zig Kilometer, durch kleine Dörfchen, in denen man das Wort „Tourismus“ vielleicht noch nie gehört hat, vorbei an schwarzen Sandstränden bis hin zu Ortschaften, die das Wort „Tourismus“ wohl erfunden haben müssen. In Duao begleitet uns ein Fanfarenchor durch die Lautsprecher entlang der Strandpromenade und heißt uns herzlich willkommen. Mangels tief-chilenischer Sprachkenntnisse können wir den Ankündigungen und Ausflugstipps nur bedingt folgen und hoffen – zum Wohle der Bevölkerung – dass nicht jedes vorbeifahrende Auto die gleichen Fanfaren auslöst.

Ruta del Mar – immer entlang der Küste

Die Nacht verbringen wir an den Arcos de Calán, Bögen im schroffen Fels, direkt am Pazifik. Wir stehen so tief, dass wir mit einem Ohr die Flut bewachen, zwei Hirnzellen haben immer noch die Erdbeben- und Tsunamiwarnung von letzter Woche im Hinterkopf, bei der Bett und Boden ordentlich geschaukelt haben.

Bis nach La Barca führt uns der Weg über niegel-nagel-neuen Asphalt, die bekannten Rippios und wunderbar zu befahrenden Lehmböden, bis wir endlich in La Barca angekommen sind. Wir waren uns nicht bewusst, was uns hier erwarten würde, so etwas in jedem Fall nicht. Das Haus liegt in stiller Einsamkeit auf den Klippen der Steilküste, vielleicht 50 oder 60 Meter über dem donnernden Pazifik. Was für ein Traum!

Wir verbringen einen wunderbaren Abend, teilen perfekten Lammbraten, unzählige Anekdoten und chilenischen Wein, genießen die sagenhafte Gastfreundschaft der Drei. Michael muss am nächsten Morgen zurück nach Deutschland, Anneke und Jürgen sind am Abend eingeladen. Wie schade, hätten wir Silvester doch gerne zusammen verbracht. Und dann der Hammer: Wir dürfen bleiben! Einfach so.

Silvester in traumhafter Kulisse

Wir verbringen hier zwei wunderbare Tage. Das Rauschen des Pazifiks im Hintergrund, eine richtige Küche für unsere Pasta Pinguini, die Sonnenterrasse und der atemberaubende Blick auf den Ozean. Wir fühlen uns ein bisschen an die Verschiffung und den Trip über den Atlantik erinnert.

Allein in einem fremden (Traum-)haus, hoch über dem Meer. Und am Horizont leuchtet das Feuerwerk von Llico. Was für ein Start in das neue Jahr!

Liebe Anneke, Jürgen und Michael, wir sind uns sicher, dass Ihr hier mitlest. Deswegen nochmal ein besonderes Dankeschön für Eure Gastfreundschaft und Herzlichkeit! Wir haben uns mit und bei Euch unglaublich wohl gefühlt!

Termas Geometricas

Die Termas Geometricas sind eine von unzähligen Thermen entlang der südamerikanischen Vulkankette. Östlich von Villarica zweigt irgendwann ein unscheinbarer Schotterweg von der Hauptstraße ab. Der Wegweiser an der Abzweigung ist kein Straßenschild, sondern einfach nur ein weiß beschriftetes Holzschild, rot und schwarz der Grund.

Hoch hinauf zu den Termas Geometricas

Achtzehn Kilometer führt der Schotterweg, teils Rippio, teils Staub und Staub und Staub entlang kleiner Bergbäche, Wiesen und Feldern. Ab und zu steht eine Kuh mitten auf der Straße und manchmal ein paar kleine Zicklein auf der Suche nach ihrer ollen Zicke. Man könnte fast meinen, man wäre in der Schweiz, wenn da erstens nicht so viele Löcher in den Zäunen wären und zweitens, wenn nicht irgendwann Dampf aus der Straße steigen würde. Nicht aus Kanälen, wie man es aus schlecht gemachten US-Thrillern kennt, sondern einfach so aus der Straße. Die ersten Anzeichen: hier raucht’s.

Die Termas Geometricas sind nicht vergleichbar mit Thermen, wie man sie aus Deutschland kennt. Am Fuß der Schlucht steht zwar auch ein Kassenhäuschen und der Eintrittspreis ist mit 22.000 chilenischen Pesos (etwas mehr als 30 Euro) pro Nase auf europäischem Niveau. Wenn man aber weiß, was wartet, dann ist das nicht zuviel.

Entspannung pur in 45 Grad warmen Wasser

500 Meter führt der rot beplankte Holzsteg entlang an 15 Becken, alle gefüllt mit Thermalwasser, 35 – 45 Grad warm. In der Mitte des Weges fällt ein kleiner Wasserfall, ganz am Ende ein großer, beide um die 5 Grad kalt. Und zwischendrin immer kleine Blockhäuschen mit Umkleidekabinen (rot) und Toiletten (schwarz).

Die Becken und Stege fügen sich so wunderbar in die Landschaft, als hätte das ein Architekt entworfen. Hat auch einer und man merkt förmlich, wie viel Spaß er daran hatte. Alles stimmt und ist stimmig und es dauert nicht lange, bis wir beide voller Begeisterung zur Entspannung ansetzen. Die Zehen ins Becken, joa, Temperatur passt, hinein, hinein. Unten wärmt das Wasser, über unsere Köpfe zieht der Morgennebel durch die Schlucht. Tau setzt sich an den riesigen Nalcablättern ab und tropf von oben auf unsere Köpfe.

Die Thermalbecken der Termas Geometricas sind um den eiskalten Gebirgsbach und die riesigen Felsen herumgebaut; manchmal wortwörtlich. Nicht nur einmal haben wir uns die Zehen an einem Felsen im Becken angehauen. Aber Dank ausgewogener Temperatur lässt der Schmerz schnell nach.

Treffen mit Weindi und Kurti

Wir sind bereits um zehn Uhr morgens an den Thermen, die zweiten Gäste erst und genießen die himmlische Ruhe. Die ändert sich auch nicht, als gegen Mittag mehr und mehr Menschen zu uns stoßen, zum Beispiel Weindi und Kurti mit denen wir hier verabredet sind. An der schönen Stimmung ändert sich auch mit dem Mehr an Menschen nichts, alles verläuft sich, die Anlage ist riesig groß.

Wir genießen den Tag unendlich. Knapp über sechs Stunden dümpeln wir in den unterschiedlichen Becken, bis dann doch die Finger runzelig und die Schultern von der Sonne angeburzelt sind, nur kurz unterbrochen von einer kurzen Sandwichpause im angeschlossenen Kaffee. Und hier: mitten im Raum ein offenes Feuer, aus dem gemütlich der Duft des Lagerfeuers kreucht. Nicht auszudenken, wie schön das alles erst im Winter sein muss.

Rund um Osorno

Osorno ist nicht nur eine Stadt im mittleren Südchile, sondern auch der gleichsam benamste Vulkan. Der gegenüberliegende Vulkan Calbuco spiegelt sich genauso auf der stillen Oberfläche des Lago Llanquihue, wie der eher ruhige Osorno mit seinem schneebedeckten Zipfel – wie gemalt.

Rund um den See und die Vulkane haben sich anno dazumal viele Deutsche angesiedelt. Gerade dem Örtchen Erdbeerhausen, heute Fruttilar, sieht man den Einfluss heute noch an: Überall Gehsteige, gepflegte Vorgärten, deutsche Schulen und „Oma’s Kuchen“, inkl. Deppen-Apostroph.

Deutsch als Fremdsprache

Die Besitzerin des Casa Rosalba erzählt uns in feinstem Schuldeutsch, welchen Stellenwert Deutsch als Fremdsprache und die deutsche Kultur heute noch in großen Teilen Chiles hat. Wenn auch schon durch die dritte und vierte Generation nach der Auswanderung verwaschen und verwässert, die deutsche Flagge weht an vielen Ecken. Manchmal auch ein bisschen zu deutsch, wie das „Hotel Heinrich“, das als Logo ein Sütterlin-gedrechseltes „HH“ auf schwarz-rot-goldenem Untergrund führt.

Die Vulkane sind hier allgegenwärtig, doch glaubt man kaum, dass der Calbuco erst 2015 ausgebrochen ist und das ein oder andere Dorf unter schwarz-grauer Asche begraben hat; hiervor zeugen allenfalls noch große dunkle Aschehaufen in manchen Rinnsteinen.

Auch am Fuße des Osorno reiht sich ein CONAF-Nationalpark an den nächsten, unzählige Cascadas, Saltii und Lagunen gibt es zu bestaunen. Fast immer kostenfrei, bestens gepflegt und behütet. Allein der Salto Petruhue hinterlässt einen faden Beigeschmack: 12 US-Doller Eintritt, 1.000 Pesos Parkgebühr für einen von vielen Wasserfällen, dieser eher unspektakulär. Auch daran merkt man, dass Chile an der erste Welt knabbert: Besucherzentrum, Café, Souvenirstände und verhältnismäßig hoher Eintritt. Dass das auch anders geht, zeigen unzählige wunderschöner Naturdenkmäler im südlicheren Südchile. Nur, da kommen nicht so viele Touristen hin, als dass sich der Bau einer Fußgänger-Mautstelle lohnen würde.

Viel mehr als der Petruhue beeindrucken uns die allgegenwärtigen Vulkane, die vielen Warnschilder zu Fluchtwegen, die Gefahr des Ausbruchs. Würden wir hier genauso seelenruhig oder machtlos wohnen und leben?

Osorno – kleine Großstadt

In Osorno selbst, der Stadt, gönnen wir unserem Reisemobil „El Gordo“ einen überfälligen Servicetermin. Der städtische Campingplatz ist natürlich just in dieser Woche geschlossen, sodass wir die Nacht im Hinterhof der örtlichen Land Rover-Werkstatt verbringen. Nicht der schönste Platz, aber der beste Ausgangspunkt, um einen Blick nach Downtown zu werfen. Kurz vor Weihnachten klingeln die Glöckchen aus allen Lautsprechern und die Tannenbäume grünen so grün, wie Plastik grün grünen kann.

Wir haben endlich einmal die Gelegenheit, ein Completo zu probieren, einen mehr oder minder geschmacklosen Hotdog mit Avocado-Creme. Kein Vergleich zu den wunderbaren Empanadas, die es hier auch an jeder Straßenecke zu kaufen gibt: mit Fleisch oder Schwein, so der feine Unterschied, aber auch mit Pollo und Napolitana-Style. Zum Runterspülen des Completos machen wir noch einen Abstecher zu Armin Schmid, der unter bayerischer Flagge nicht ganz Reinheitsgebot-konformes Bier braut. Ein bisschen Freistaat in Chile. Und ganz wie daheim ist auch im Biergarten nur Bares Wahres – no aceptamos tarjetas.

Raus aus der Großstadt. Wir freuen uns, endlich wieder raus in die Natur zu kommen und schlagen unser Nachtlager an einem der unzähligen Wasserfälle auf. Diesmal wieder ohne Eintrittsgeld bezahlen zu müssen.

Carretera Austral

Traumstraße? Was heißt schon Traumstraße? Straße die zum Träumen einlädt oder Straße die traumhaft schön ist? Die Carretera Austral ist eine dieser sogenannten Traumstraßen. Im Allgemeinen zählen die, die sie gefahren sind, sie dazu. Wir waren gespannt.

Die offizielle Bezeichnung der Carretera Austral ist Ruta 7. Die Fernstraße verbindet Chiles weniger südlichen Süden mit Chiles südlichem Süden. Von Puerto Montt führt die Ruta 7 bis nach Villa O’Higgings, deutlich über 1.000 Kilometer. Wir sind fast die ganze Ruta 7 von unten nach oben gefahren. Mit einer kleinen Ausnahme. Unsere Fahrt auf der Carretera beginnt nicht in Villa O’Higgins, sondern knapp 200 Kilometer weiter nördlich in Cochrane. Von El Chaltén in Argentinien kommend können Autos die Anden erst am Paso Roballos queren. Von dort aus müsste man ebendiese 200 Kilometer wieder in den Süden kehren, um Villa O’Higgins zu erreichen.

Überall entlang der Carretera Austral gibt es Lupinenfelder – farbpracht soweit das Auge reicht.

Carretera Austral – volle Wucht, volle Pracht

Als wir den Pass überqueren und auf die Carretera treffen, trifft uns die Schönheit der chilenische Landschaft mit voller Wucht. Unsere Wochen vorher waren größtenteils geprägt von karger Wüstenlandschaft, von Pampa ohne grün, von Rüttelpisten, Staub und kahler Einsamkeit. Vom Pass aus kommend fahren wir quer auf die Ruta 7 zu. Auf der anderen Straßenseite glänzt der Rio Baker im schillernden grün, windet sich durch das Tal, gesäumt von Bäumen und satten Wiesen.

Egal in welche Richtung man fährt, ob südwärts nach Cochrane oder gen Norden – es ist schwierig, die Augen auf der Straße zu lassen. Notwendig ist es schon, denn wenn nicht gerade Rippios, die Waschbrettpisten, die ganze Aufmerksamkeit erfordern, dann ist es vielleicht eine Kuh oder ein Pferd, die auf der falschen Seite des Zauns weiden. Das ist hier so normal, dass wir uns nur beim ersten Mal wundern. Die Augen möchten, können wunderbarste Landschaft sehen. Glücklich der, der einen redseligen Beifahrer hat, der erzählt, was der Fahrer verpasst.

Lupinen, Nalcas und Delfine

Unser erster Eindruck ist geprägt von bunten Lupinen. In jeder Straßenritze, unter den Bäumen, in jeder Flussbiegung. Manchmal sind es ganze Felder voller gelber, blauer, pinker oder lilaner Blumen, die den Reisenden begleiten. Wahnsinnige Farbenpracht, von der Menge her vergleichbar mit den unendlichen Rapsfeldern in der nördlichen Eifel. Was dort aber eintöniges gelb ist, eingepfercht in Feldwege und Bundesstraßen, dass ist hier abwechslungsreichstes Bunt soweit das Auge reicht.

Keineswegs sind die Reiseführer voll von Sehenswürdigkeiten. Mangels Geschichte gibt es keine Marktplätze oder mittelalterlichen Kirchen zu besichtigen. Es gibt keine Museen oder Galerien, die den Touristen erwarten. Es gibt stattdessen Kurven. Und hinter jeder Kurve, wirklich nahezu hinter jeder Kurve gibt es eine Überraschung, ein großes Staunen.

Die Ruta 7 schlängelt sich durch Schweizer Almen genauso wie durch die Wälder Kanadas. Man fährt durch kalten Urwald, in dem die Feuchtigkeit der Berghänge mit den Händen greifbar ist, über geschotterte Bergpässe, die 4×4 zur Bedingung machen, vorbei an Nalca-Blättern so groß wie Sonnenschirme und immer wieder entlang des pazifischen Ozeans, aus dem unvermittelt ein paar Delfine auftauchen.

Kurzer Zwischenstopp in Chaitén. Dort, wo heute „Strand“ ist, war vor dem Vulkanausbruch noch pazifischer Ozean.

Es gibt so viel zu verpassen

Die Carretera Austral ist so vielfältig und birgt so viele Geheimnisse, dass man Gefahr läuft, vieles zu verpassen. Ein Nationalpark reiht sich an den nächsten. Mal sind es wunderbare Wanderungen, mal hängende Gletscher und einsame Bergseen. Eines von unzähligen Highlights ist für uns der Parque Nacional Pumalin, gegründet vom inzwischen verstorbenen Esprit- und Northface-Boss Douglas Tompkins. Große Teile seines Vermögens hat er in seinen chilenischen Nationalpark investiert, um die Natur so zu erhalten, wie sie ist und nicht zu dem zu machen, wie Menschen sie gerne hätten.

Wir haben das große Glück, außerhalb der Saison zu Reisen. Es ist wenig los. Auf den meisten Camping-Plätzen sind wir allein, manche sind noch nicht mal geöffnet. Dementsprechend ruhig ist auch der Verkehr auf der Straße selbst. Die Carretera Austral ist in weiten Teilen nur eine Schotter- oder Staubpiste, mal in den Fels gesprengt, mal durch den Urwald geschlagen, an vielen Stellen nur einspurig befahrbar. Die Bauarbeiten zum Ausbau der Ruta 7 können in Ruhe voran gehen. Da wird dann die einzige Verbindungsstraße zwischen Nord und Süd auch problemlos wochentags zwischen 13 und 17 Uhr komplett geschlossen. Dann kann in Ruhe gebaggert werden.

Noch größeres Glück haben wir, dass die Carretera immer noch nicht durchgängig asphaltiert ist. Schotter und Rippios zwingen dazu, langsam zu fahren. Man kann nicht mit Tempo 90 an den wenigen Ortschaften vorbei brettern; vielmehr ist Geduld eine Tugend und die gebotene Langsamkeit der wahre Grund zur Freude. Viel häufiger als ursprünglich geplant halten wir an und übernachten an eisblauen Bergbächen oder im Angesicht des Vulkans. Nicht auszudenken, wie viel man verpasst, wenn man einfach fahren kann.

Links die neue Piste, rechts die ursprüngliche Carretera

Und bald: überall Asphalt

Chile schickt sich an, die Carretera Austral durchgängig zweispurig auszubauen. Unzählige Baustellen säumen unseren Weg. Für die Bewohner Südchiles wird das ein Segen sein. Lebensmittel und Güter können viel günstiger und schneller in die entlegenen Dörfer transportiert werden, Touristen werden auch ohne 4×4-Fahrzeuge den Weg bis nach Cochrane oder Villa O’Higgins finden. Geld wird fließen, Wohlstand wird einkehren. Und trotzdem wird sich vieles zum Negativen ändern. Natur wird nicht mehr ganz so natürlich sein und wie touristen-überschwemmte Nationalparks aussehen, davon kann man sich an anderer Stelle vielfach ein Bild machen.

Heute gibt es nördlich von Chaitén nur eine Fährverbindung in Richtung Puerto Montt, keine durchgängige Straße. Zweimal am Tag fährt man eine halbe Stunde Fähre, 20 Minuten über eine einsame Insel und dann nochmal fast vier Stunden mit dem Schiff, bis man in Hornopirén wieder Festland erreicht. Eine wunderschöne Fahrt durch die chilenischen Pazifik-Fjorde, unberührte Natur, vollkommen entschleunigt. Die Pläne für eine Straße durch den Nationalpark liegen in der Schublade. Quer durch Natur und Urwald soll eine Schneise geschlagen werden, damit Mann und Maus – und Touristen wie wir – schneller voran kommen. Nicht auszudenken.

1000 Kilometer Traumstraße

Die mehr als 1000 Kilometer auf der Carretera Austral legen wir in knapp zwei Wochen zurück, bis wir in Puerto Montt wieder auf die erste Stadt mit einem richtigen Supermarkt und Infrastruktur treffen. Ein echter Schock für uns, der uns deutlich vor Augen führt, wie wahnsinnig traumhaft die Carretera Austral ist. Spaßeshalber diskutieren wir darüber, ob wir die Fahrt auf der Panamericana nicht einfach abbrechen sollen. Was kann nach Perito Moreno, Torres del Paine und der Carretera Austral noch kommen? Schöner, bewunderswerter und irrer kann es doch gar nicht mehr werden.

Die Ruta 7, die Carretera Austral ist eine echte Traumstraße. Traumhaft schöne Landschaft, traumhaft zu (er-)fahren. Für uns ein traumhafter Teil unserer Reise auf der Panamericana.

Einer von unzähligen Wasserfällen entlang der Ruta 7

Warum dauert das so lang?

Unzählige Bücher haben wir mitgenommen. Nicht digital, sondern so richtige Bücher mit Seiten und Buchstaben. Die wollten wir lesen und irgendwo wollten wir uns Nachschub schicken lassen; postlagernd oder so. Soweit der Plan, so wenig die Wirklichkeit. Dass wir nicht zum Lesen kommen, ist ein Symptom einer für uns unerwarteten Zeitrechnung.

Um es vorwegzunehmen: Unterwegs als Overlander auf der Panamericana und sicherlich auch in allen anderen Teilen der Welt zu sein, ist unglaublich zeitraubend. Alles, was man tut, dauert ungleich länger als daheim.

Kochen auf Reisen

Beispiel kochen. Schnell macht sich der Unterschied zwischen dem heimischen Herd mit Induktionsfeld und unserem einflammigen Spirituskocher bemerkbar. Dort, wo sonst zwei oder drei Töpfe gleichzeitig blubbern, kochen wir heute alles nacheinander, in der Hoffnung, dass die Nudelsauce noch nicht kalt ist, wenn die Nudeln endlich eine annehmbare Bissfestigkeit erreicht haben. Ja, wird sich mancher denken, warum habt ihr dann nicht einen zweiflammigen Gaskocher mitgenommen? Weil jedes Gramm und jeder Kubikzentimeter Platz zählen und für die zwei Flammen einfach kein Platz im Auto war. Nichtsdestotrotz: Für den schnellen Kaffee zwischendurch haben wir uns tatsächlich noch einen kleinen Gasbrenner besorgt, geht halt doch schneller, als mit Alkohol. Apropos Alkohol: Daheim kommt Gas oder Strom wie selbstverständlich aus der Leitung, wir hoffen in jedem größeren Supermarkt, entweder Gas oder Spritius kaufen zu können. Momentan kommen wir immer gut hin, aber unser Notvorrat, die letzte Flasche oder Kartusche wurde auch schon mal angebrochen.

Einkaufen

So selbstverständlich, wie man im Aldi oder Edeka ins Regal greift, ist das Einkaufen auf Reisen nicht. Zum einen gibt es nicht alles, was man von daheim gewohnt ist. Wo steht beim Aldi die Milch? Weiß jeder! Ob sie hier im Mercado zu finden ist, ist nicht immer gesichert. Zudem bevorzugen wir die Tetrapacks (gibt es hier, ja!) mit Schraubverschluss, damit nichts überläuft, wenn es mal wieder auf Rüttelpisten unangemessen wackelt. Brotvorrat für drei Tage kaufen? Nicht hier, weil Du nicht weißt, ob es Nachmittags überhaupt noch Brot gibt. Obst und Gemüse auf Vorrat? Nicht in jeder Stadt und immer mit dem Blick auf den nächsten Grenzübergang, an dem die Mitnahme von Obst, Gemüse, Fleisch und Co. verboten ist. Hat man es trotzdem dabei, freuen sich die Zöllner und nehmen es Dir ab.

Findet man im Supermarkt hingegen „unsere“ Lebensmittel, also mal eine Tafel Schokolade, echten Orangensaft (nicht nur Nektar) oder ein Glas Pesto, dann ist das hier un-un-unangemessen teuer. Importierte Lebensmittel sind gerade in Argentinien unbezahlbar. Johnny Walker: 38 Euro, Nutella (kleines Glas): 6 Euro, Barilla Pesto: 7 Euro, Pfund Butter: 3 Euro. Und wer glaubt, Obst, Gemüse oder einheimische Lebensmittel seien billiger, den können wir beunruhigen. Für drei Bananen, eine Paprika und eine kleine (einheimische) Zucchini haben wir auch schon acht Euro bezahlt. Allein Brot, lokaler Wein und Fleisch sind hier in Chile und Argentinien unglaublich günstig. Beim Einkaufen heißt es also: Zeit mitnehmen. Der gewöhnliche Einkauf im Supermarkt oder mangels Supermarkt in mehreren kleinen Läden hintereinander nimmt schon mal eineinhalb Stunden in Anspruch. Suchen, auswählen, umrechnen. Alles braucht seine Zeit.

Waschen auf Reisen

Unsere Auswahl an Klamotten ist platzbedingt beschränkt, ergo ist unsere Waschfrequenz ein bisschen höher, als daheim. Aber wo wäscht man? Auf unserer bisherigen Route ist der Gang in den Waschsalon state oft he art. Waschmaschinen sind noch immer nicht in allen Haushalten zu finden, dementsprechend verbreitet sind die Salons, die gleich eine ganze Wäscheladung entgegen nehmen. Einmal alles bitte, morgen abholbereit, danke, 8 Euro. Die Suche nach dem Waschsalon, das Hinbringen und Abholen, alles dauert und ist nicht so schnell erledigt, wie mal eben eine Maschine anzustellen, den Trockner zu bedienen und hinterher zusammenzulegen. Von Handwäsche mal ganz zu schweigen.

Kein Handgriff zu viel

„Hase, wo ist denn …“, der meist gesagte Satz bisher. Egal was man tut, man muss erst suchen. So gut der Defender eingerichtet ist, so platzsparend und ausgeklügelt, er ist und bleibt ein schwarzes Loch. Egal was man braucht, es ist entweder verschwunden oder vermeintlich unerreichbar verstaut. Die Senseo daheim ist schnell bedient, Wasser ist im Tank, das Pad liegt griffbereit daneben, die Tasse im Regal darüber. Und Kaffee kochen auf Reisen? Gaskocher, Feuerzeug und Kaffeekanne holen. Wenn die Kanne schon mal sauber ist, dann ist garantiert das Gas leer. Und wo gibt’s Trinkwasser? „Ich geh’ mal schnell zum Fluss!“. Warten bis der Kaffee fertig ist, währenddessen Jagd auf die Tasse machen, die gestern Abend noch für den Rotwein herhalten musste. Ist natürlich nicht gespült. „Ich geh’ mal schnell zum Fluss!“. So geht die Zeit ins Lande, und während die Senseo schon acht Tassen ausgespuckt hätte, die Zeit für das Nachfüllen des Tanks aus der Wasserleitung hier ignorierend, da kommt aus der Bialetti oben nur ein Tröpfchen braune Sauce heraus, der Rest blubbert an der undichten Dichtung vorbei auf den Brenner. Erstmal sauber machen, dann nochmal von vorne. „Ich geh mal schnell zum Fluss!“.

Alles dauert, alles braucht seine Zeit

Jeder Handgriff dauert auf Reisen länger, als daheim. Und obwohl die Tage hier viel länger sind, es ist hell von fünf bis zehn, vergehen sie doch wie im Flug. Allein das Aufbauen und Abbrechen unseres täglichen Nachtlagers dauert fast zwei Stunden, bis alles gekramt, gespült, gepackt und zugeklappt ist. Und wenn wir dann mal zwei Nächte am gleichen Ort bleiben, dann ist auch endlich Zeit genug, um einen Blogbeitrag zu schreiben. Über die Zeit zum Beispiel, die hier viel zu schnell vergeht.

Vulkan Chaitén – unser kleiner Aufstieg

Chaitén heißt einer der vielleicht aktivsten Vulkane Chiles. Und Chaitén heißt auch die Stadt, zehn Kilometer von ebendiesem Vulkan entfernt, ein idyllisches kleines Örtchen am Pazifik. Mitten durch Chaitén fließt ein Fluß, der Rio Blanco, teilt die Stadt in zwei Teile, die Ufer sind ein bisschen mit Steinen und größeren Felsbrocken verziert. Der Rio Blanco mündet hier in den Ozean, gesäumt von reichlich Strand. Nein, streiche „Strand“, es ist wohl eher Asche.

2008 war es, als der Chaitén, der Vulkan ausbrach. Ziemlich unvermutet. Die Einwohner des kleinen Örtchens sind zunächst davon ausgegangen, es sei der 35 Kilometer entfernte Michinmahudia, aber es war der Kollege um die Ecke. Mit fatalen Folgen. Nicht nur, dass die Stadt unter einer meterhohen Schicht aus Asche und Steinen verschwunden ist. Im Laufe der Tage suchte sich der Rio Blanco ein neues Bett und floss nicht mehr neben der Stadt vorbei, sondern mitten hindurch. Heute fehlen einfach zwei komplette Straßenzüge, die Stadt ist geteilt durch den Fluss, der soviel Steine, Geröll und Asche mit sich vom Vulkan gebracht und mitgenommen hat, dass die ehemalige Uferpromende Chaiténs heute nicht mehr am Ufer des Pazifiks verläuft, sondern mehrere hundert Meter dahinter.

Acht Jahre ist das jetzt her und inzwischen haben einige der ehemaligen Bewohner die Stadt langsam wieder aufgebaut. Es gibt wieder ein paar Häuser, ein paar wenige Geschäfte, einen Dorfplatz. Aber die Wunden sind sichtbar. Einige der alten Häuser stehen noch heute wie ein Mahnmal halb versunken in der Vulkanasche, die ehemalige Stadt gleicht heute eher einem Dorf und der Fluss, nun ja, der teilt die Stadt wirklich. Wer in den südlichen Stadtteil fahren will, der muss erst aus der Stadt raus, über die Brücke und wieder in die Stadt rein. Früher, vor dem Vulkanausbruch, da konnte man einfach zwei Straßen überqueren und war am gleichen Ort.

Nach dem Vulkanausbruch

Camping Vulcano im Parque Pumalin

Der Vulkan Chaitén liegt mitten im Nationalpark Pumalin, gegründet von Douglas Tompkins, dem ehemaligen Chef von The North Face und Esprit, der sich bis zu seinem tragischen Tod dem Umweltschutz verschrieben hat. Der Parque Pumalin ist sein größtes Projekt und der Chaitén liegt mitten drin. Dass da jemand zugange war, dem Marketing und westliche Werte im Blut liegen, merkt man an jeder Ecke. Die Straßenschilder sind nicht die üblichen, grünen. Sie sind aus Holz mit chicen Buchstaben. Die Wege und Wegesränder sind schön und gepflegt. Dieser Teil der Carretera Austral, der durch den Park führt, ist, obwohl auch nicht asphaltiert, sicherlich einer der besten.

Unser Nachtlager im Camping Vulcano ist fast schon sensationell. Fast zwei Kilometer fernab der nächsten Straße, man fährt wunderschön durch kalten Urwald, öffnet sich ein Schneise, umgeben von Wäldern, Vulkan und schneebedeckten Gipfeln. Die wenigen Campingplätze weit entzerrt, gut gepflegte Unterstände mit Sitzgelegenheit, Trinkwasser an jedem Platz und ein sagenhafter Ausblick. Die Nacht haben wir trotz eisiger Temperaturen im offenen Dachzelt verbracht. Über uns der Sternenhimmel und um uns herum lauter unbekannte Geräusche von wirklich unberührter Natur.

 

Schneebedeckte Gipfel im Parque Pumalin

Hoch auf den Chaitén

2,2 Kilometer ist der Aufstieg zum Kraterrand weit, 600 Höhenmeter gilt es dabei zu überwinden. Die Infotafel am Wegesanfang spricht von drei Stunden im normalen Tempo. Aber was ist schon normal? Drei Stunden heißt erstmal: zwei Stunden hoch, eine wieder runter. Gut, das scheint machbar zu sein. Bis zu dem Punkt an dem man sich vergegenwärtigt, wie viel 600 Höhenmeter auf 2,2 Kilometer Strecke sind.

Was anfänglich noch ein hübscher Wanderweg mit Infotafeln ist, entwickelt sich mehr und mehr zu einem Klettersteig, zu einer Treppenwanderung in luftige Höhen. Wir haben Zeit und Weg und Uhrzeit dabei ein bisschen unterschätzt, die Mittagssonne fängt an zu brutzeln, der Wasservorrat neigt sich schon auf dem Hinweg dem Ende entgegen. Und als nach gut zwei Dritteln des Weges nicht nur ein wirklich, wirklich steiler Berg vor uns steht, kahl und leer und ohne Sonnenschutz, da wurde uns dann doch ein bisschen anders. Nicht nur, weil da auf einmal ein Berg, ein Vulkan stand, sondern auch, weil kein Weg mehr da war. Alle Stufen weg, wenig alter Weg erkennbar, ein paar Fußspuren unserer Vorgänger in Asche und Geröll und ziemlich viel Weg vor uns. Ja, eine Pause haben wir gemacht, aber die propagierten zwei Stunden waren es dann doch nicht. Nach fast vier Stunden waren wir endlich oben.

 

So steil wie hoch geht es auch wieder runter.

Chaitén Caldera

Und dann stehst Du da. Auf einem Vulkan. Vor Dir tut sich der Krater auf. Kalt und steinig und glatt. Und hieraus ist das ganze Unglück entsprudelt? Und wir stehen hier genau an der Kante? Wenn man die Gedanken zulässt: Nicht ungefährlich. Auf der anderen Seite des Kraterrandes erheben sich zwei Schornsteine aus denen fast überall der weiße Qualm dampft. Er ist aktiv, der Chaitén und wir stehen quasi mitten drin. Mittendran. Was würden wir tun, wenn es nicht nur dampft, wenn der Berg anfängt zu grollen? Es gäbe wohl nichts mehr zu tun. Einfach stehenbleiben und zuschauen, da sind wir uns einig.

Mich trifft die Erschöpfung des Aufstiegs und der Mittagssonne, ich suche mir den einzigen Schattenplatz hinter einem abgestorbenen Baum, während Michaela auf einer Bank nach links umfällt und ein paar Minuten die Augen zumacht. Vor uns liegt der Abstieg, der uns freut, weil es nicht mehr vulkanauf geht, weil unsere Vorgänger uns mit breitem Grinsen von oben entgegen kamen.

Ein breites Grinsen haben wir auch auf dem Gesicht. Bis oben war es verdammt anstrengend, aber wir waren oben auf einem Vulkan. Ja, wir waren wirklich oben auf einem (mehr oder minder) aktiven Vulkan. Das können wir von unserer Bucketlist streichen. Aber das Grinsen ist uns dann doch noch vergangen. Denn runter ist nicht immer einfacher, als hoch.

Auf dem Weg nach unten, in der ungesicherten Strecke, ohne Weg und ohne Stufen, echtes bergsteigen, da macht der Muskel irgendwann zu (wie Gerd Rubenbauer gesagt hätte), da zwickt es irgendwann und überall. Da geht das Wasser zur Neige und wenn der Abstieg dann schwer und anstrengend wird und weh und weh und weh tut, dann überredest Du Dich, keine Pause mehr einzulegen, weil irgendwann dieser verdammte Fluss kommt, wo es wieder Wasser gibt und er kommt nicht und kommt nicht und kommt nicht.

Was wir an der Infotafel am Anfang des Weges vermisst haben, ist die Info, dass der Weg heute wohl nicht mehr so ist, wie damals, als jemand die Infotafel aufgestellt hat. Dass der Weg nicht in „normalem Tempo“ drei Stunden dauert, sondern vielleicht im schnellen. Dass nicht so geübte Berg- und Vulkansteiger wie wir, vielleicht ein bisschen länger brauchen. Und dass man genug Wasser mitnehmen sollte. Unsere eineinhalb Liter haben nicht bis unten gereicht und ich war noch nie so froh, fließendes Wasser zu sehen, wie am Fuß des Vulkans Chaitén. Klassischer Fall von erheblich unterschätzt. Ich habe so schnell und gierig Wasser gesoffen, dass es mir aus der Nase wieder raus gekommen ist.

Die folgenden Tage waren geprägt von jeder Menge Muskelkater in den Oberschenkeln. Geschlafen haben wir in der ersten Nacht wie ein Baby: erschöpft und unglaublich durstig. Und breit gemacht hat sich der Gedanke, nie wieder einen Vulkan zu besteigen. Müssen wir nicht, erledigt, Haken dran. Aber wir haben es gemacht. Sechseinhalb Stunden hoch und runter, oben am Kraterrand mit bleibenden Eindrücken, ja, wir waren da oben – wie viele andere natürlich auch. Wir müssen nicht mehr hoch auf einen Vulkan, aber wir können. Weil das Erlebnis, die Eindrücke, die Bilder … das hat alles etwas ganz Besonderes. Unbeschreiblich. Und trotzdem habe ich das hier versucht. Vielleicht ist ein bisschen davon rüber gekommen?

Mehr Fotos gibt es im Fotoalbum zum Vulkan

Ventisquero Colgante – der hängende Gletscher

Entlang der Carretera Austral, Teilstück der Panamericana, drängt sich ein Nationalpark an den anderen, eine Sehenswürdigkeit ist schöner als die vorherige und doch verpasst man so viel, wenn man nicht permanent einen Halt hier und einen Abstecher dort macht. Nach unsere drei Gletscherbesuchen in Torres del Paine mit dem Grey, Perito Moreno und dem Gletscher Viedma am Fitz Roy ist der hängende Gletscher Ventisquero Colgante noch einer der auf der Strecke liegt. Noch einer? Man könnte ja meinen, dass man alle Gletscher kennt, wenn man die drei vorgenannten gesehen hat. Und eigentlich ist es nur unserer Müdigkeit und dem Eintrag im iOverlander zu verdanken, dass wir im Nationalpark Queulat einen Zwischenstop eingelegt haben.

Rechts biegt ein kleiner Waldweg von der staubigen Carretera Austral ab, der Weg führt über eine Brücke, einspurig durch den engen Regenwald, vielleicht einen Kilometer bis zur Parkverwaltung. Den obligatorischen Eintritt bezahlt und nach weiteren x-hundert Metern stehen wir auf einem wunderschönen Campingplatz. Elf kleine Schutzhütten, weitläufig verteilt, sodass man den Nachbar-Overlander weder sehen, noch riechen oder hören kann. Mitten im kalten Urwald.

Wir sind – wie schon so oft in Chile – beeindruckt, was man als Tourist in Nationalparks alles darf, wie weit fahrbare Wege mitten hinein führen und wie sensationell einsam und doch gut unterhalten Campingplätze liegen.

Ventisquero Colgante und Laguna Tempanos

Von unserem Stellplatz aus schlängelt sich ein kurzer, schmaler Fußweg zu einem Aussichtspunkt, der den Blick auf den hängenden Gletscher Ventisquero Colgante freigibt. Mächtig drängt das Eis zwischen zwei Felsen hindurch und scheint hunderte Meter nach unten zu brechen. Aber es ist doch nur ein riesiger Wasserfall, der sich von oben in den Bergsee stürzt und den Gletscher-Fluss speist.

Dem anderen Pfad durch das Dickicht folgend, entlang des Gletscherflusses überqueren wir eine Hängebrücke im Takt ihres Schwunges und wandern hintereinander durch eine fast schon unwirkliche Landschaft mit riesigen Nalcablättern zur Laguna Tempanos. Aus unserer Boots- oder Kayak-Tour zum Gletscher wird leider nichts. Wir sind so weit außerhalb der Saison, dass man einfach keine Gäste erwartet hat. Aber Gletscher haben wir ja eh schon genug gesehen.

Die Hände von Cerro Castillo

Entlang der Carretera Austral in Chile zu fahren ist so toll, dass man tatsächlich Gefahr läuft, an so manchen Sehenswürdigkeiten einfach vorbei zu fahren, weil Straße und Landschaft so schön sind. So zum Beispiel auch an den Händen von Ville Cerro Castillo.

Cerro Castillo liegt an der Ruta 7, der Hauptverbindung Chiles vom Norden in den Süden. Das kleine Örtchen mit seinen wenigen Häusern ist nicht sonderlich sehenswert. Eigentlich gibt es nichts, bis auf dieses Tal umgeben von ein paar Andengipfeln und dem Fluss, der durch selbiges Tal fließt. 449 Einwohner zählt Cerro Castillo; das spricht wahrscheinlich für sich.

Von Süden kommend ein paar Kilometer vor der Stadtgrenze weist ein unscheinbares Holzschild den Weg von der Rüttelpiste auf den Feldweg in Richtung des Schulmuseum. Fahrend konzentriert man sich eher auf die Schlaglöcher in der Ruta 7, auch hier fährt man eher vorbei, als auf die Ausfahrt zu achten. Natürlich ist das Schulmuseum, das 4 Kilometer am Ende des Feldwegs liegt, geschlossen. Eigentlich soll man hier die Tickets für die einzige Sehenswürdigkeit weit und breit bekommen soll. Wir ziehen also so los und suchen uns den nächsten Trampelpfad der in Richtung Fels führt.

Zwanzig Minuten bergauf und durch ein kleines Tal bergab sind es dann noch, bis wir vor dem Felsvorsprung stehen. In unserem Rücken das Tal, die schneebedeckten Andengipfel, Cerro Castillo. Und vor uns rote Handabdrücke an der Felswand. Positive und negative Abdrücke, vereinzelt auch in orange und grün.

Die Hände von Cerro Castillo

3.000 Jahre alt sollen die Handabdrücke sein. Die roten zumindest. Die grünen und orangen sind später dazu gekommen, wann genau ist jedoch nicht sicher. Bis heute weiß man auch nicht so genau, was es mit den Handabdrücken auf die hat. Aus reiner Langeweile werden sie nicht entstanden sein, aber ob rituell oder spirituell, das kann man nicht mit Gewissheit sagen.

Schon seltsam, wenn man davor sitzt und sich vergegenwärtigt, dass hier, mitten im chilenischen Nichts, an einem Ort, an dem es selbst heute keine Menschenmassen siedeln wollen, unsere Vorfahren gelebt, Farbe angerührt und Hände an die Wand gemalt haben. Irgendwie unwirklich, schön anzusehen. Und fast vorbei gefahren.

Fitz Roy und der lange Weg nach Chile

Torres del Paine, Perito Moreno und Mount Fitz Roy. Die drei sind wohl die bekanntesten Berge, Gletscher, Gebirsformationen in den südlichen Anden und gehören auch für uns zum Pflichtprogramm. Nach unserem Besuch im Nationalpark Torres del Paine und am kalbenden Gletscher Perito Moreno nun also der Mount Fitz Roy, der vor allem wegen seiner zackigen Silhouette bekannt geworden ist. Im indianischen nannte man den Berg ursprünglich „Chaltén“, den Rauchenden, weil die Wolken mit der Gipfelspitze oft eine symbiotische Beziehung eingehen und sich einfach nicht verziehen wollen. Heute heißt er Fitz Roy und die Stadt zu seinen Füßen nennt sich El Chaltén.

Fitz Roy

Fitz Roy

El Chaltén am Fitz Roy

El Chaltén wurde erst 1985 just an dieser Stelle gegründet. Bis dato war sonst nichts am Fitz Roy. Ausser vielleicht die ewigen Grenzsstreitigkeiten zwischen Chile und Argentinien, die bis heute nicht endgültig beigelegt sind. El Chaltén ist also eine Retortendorf mit rund 1.500 Einwohnern, gegründet allein, um im Grenzstreit eine Statement abzugeben. Der gemeine El Chalténener an sich lebt vom Tourismus, mehr gibt es hier wirklich nicht zu tun. Wem als Ausflügler Torres del Paine zu groß und Perito Moreno zu überlaufen ist, der macht einen Ausflug zum Fitz Roy. Am besten aber mit dem eigenen Auto, denn öffentliche Verkehrsverbindungen sind kaum vorhanden, allenfalls ein Bustransfer von El Calafate (Perito Moreno). Wer denn, wie wir, mit dem eigenen Auto anreist, hat hoffentlich genug Sprit im Tank, denn die einzige Tankstelle am Ort, ein Container mit Zapfsäule, kann die jederzeitige Versorgung mit Sprit nicht garantieren. Wir zumindest haben noch Diesel bekommen, Benzin war leider ausverkauft. Und wer weiß, wenn der nächste Tanker hier anlegt …

Wie atemberaubend schön die Gegend hier ist, das brauchen wir wohl nicht zu wiederholen. Kein Deut weniger schön als die beiden anderen Attraktionen in der näheren Umgebung (mehrere hundert Kilometer entfernt zählt hier immer noch als „nähere Umgebung“), das Flair des Ortes ganz besonders, weil viele junge und ältere Trekker und Frischluft-Fanatiker sich rund um die Hauptstraße und den Zugang zu den Wanderwegen tummeln, alles und jeder immer im Schatten des mächtigen Bergs mit seinen Gletschern.

Wir verbringen die Nacht rund zehn Kilometer hinter dem Ort weiter rein im Gebirge auf einem kleinen Strom- und Internet-losen Campingplatz direkt am Ufer des Gletscherflusses und haben unglaubliches Glück, dass uns dort direkt ein paar der gefährdeten Südandenhirsche „Huemuls“ über den Weg laufen. Keine Attraktion für Europäer, Hirsche sind ja nun nichts seltenes. Außer vielleicht diese, davon soll es nur noch etwas mehr als tausend Exemplare geben.

Vom Fitz Roy auf die Carretera Austral

Unser Weg soll uns weiter entlang der Panamericana führen, wir müssten hier nur kurz über die Anden hopsen und könnten dort auf der Carretera Austral (Ruta 7) weiter fahren, die in Villa O’Higgins ihren Anfang nimmt. Die Carretera Austral gehört zu den Traumstraßen der Welt (sagt man im Allgemeinen so), für uns Grund genug, sie in unsere Reise einzubeziehen, nur leider nicht vom Start an. Villa O’Higgins ist zwar nur einen Steinwurf weit von El Chaltén entfernt, der einzige Grenzübergang dorthin ist jedoch nur für Fussgänger und Pferde passierbar, alldieweil eine Brücke nicht für Autos und andere Gefährte gemacht ist. Für uns heißt das, dass wir einen klitzekleinen Umweg von rund 700 Kilometern in Kauf nehmen müssen, über Gobernador Gregores (Karte), den südlichsten für Autos passierbaren Grenzübergang Paso Roballos nach Cochrane. Und dann sind wir immer noch 230 Kilometer nördlich von Villa O’Higgins.

10 Stunden für 420 Kilometer

Wir teilen uns die Etappe über die sagenumwobene Ruta 40 in zwei Tagesetappen ein, da absehbar ist, dass die zweite Etappe ein langer Weg wird. Die ersten knapp dreihundert Kilometer führen uns über die Panamericana, wie wir sie uns immer vorgestellt haben: Stock, Stein und stundenlanges Nichts. Kein Nichts, wie im östlichen Teil Patagoniens, sondern noch weniger. Vor allem kein Verkehr. Herrscht auf der Ruta 3 gen Süden noch reges Treiben, dominiert hier in Richtung Norden tote Hose. Vier Autos und kein einziger LKW kommt uns entgegen. Kein Wunder, was will man auch hier? Touristen kommen von Süden nach El Chaltén, wer ist schon so doof und fährt nach Norden, außer uns? Die Abwechslung zu den nahen Anden ist faszinierend, die Landschaft trotz ihrer Kargheit wunderschön und die Fahrt einem echten Roadtrip angemessen. Wir übernachten an der YPF-Tankstelle in Gorbernador Gregores windgeschützt zwischen ein paar Truckern, die von hier aus Richtung Atlantikküste unterwegs sind und stellen uns am nächsten Tag dem Pass.

Ruta 40 im südlichen Teil Argentiniens

Ruta 40 im südlichen Teil Argentiniens

Der Paso Roballos

Seit die Ruta 40 in weiten Teilen asphaltiert wird, stimmen  viele Straßenkarten und Navigationssysteme nicht mehr. Der Straßenverlauf wurde verlegt, Straßen umbenannt oder einfach geschlossen. Es dauert daher ein bisschen, bis wir den richtigen Weg auf die Ruta Provincial 103 finden, die es offiziell nicht mehr gibt, die langsam von Steppengras überwuchert wird und noch in keiner Karte auftaucht. Zähes Nachdenken und ausgedehnte Suche nach einem Loch im Zaun hilft und dem Defender bereitet es quietschend hörbar Schmerzen, wieder über Waschbrettpisten (Ripio) zu gleiten. Uns übrigens auch. Manche Löcher sind so unerkennbar und tief, dass wir Angst um unsere Unterhosen im Schrank haben. Wer weiß, ob die bei solchen Erschütterungen nicht auch irgendwann zerbrechen, wie unsere Weingläser.

Der Weg zur Grenzsstation am Paso Roballos ist eigentlich nicht weit von hier aus, aber im wahrsten Sinne steinig. Die Piste zieht sich in gähnender Langeweile vor uns hin und hier kommt uns nun wirklich kein Auto mehr entgegen. Über Stunden ist es nur ein einziger einsamer Estanciero, bei dem wir befürchten, dass er aus Freude über die ungewohnte Menschenansammlung gleich einen Unfall provoziert, so begeistert winkt er hinter dem Steuer seines Hilux durch die Scheibe. Mit zunehmender Strecke erklärt sich, warum Chile und Argentinien hier in der Gegend immer noch fortwährend um den Grenzverlauf streiten. Je weiter es nach Osten geht, desto schöner, grüner, überwältigender wird die Natur. Mit und mit wird das Steppengras zu Büschen und Bäumen, statt einzelner Heuschrecken laufen uns wieder Flamingos über den Weg und die karge Wüstenlandschaft wird zu einem atemberaubenden Farbenspiel mit azurblauen Seen, grünen, roten und gelben Felsformationen und vergleichsweise üppiger Vegetation.

So haben wir uns die Panamericana dann irgendwie doch nicht vorgestellt oder sie zumindest nicht erwartet. Die Fahrt über den Pass entlang der wirklich einsamen Grenzstation mit vier gelangweilten Zöllner, die wohl auch nicht so recht wissen, warum es hier überhaupt einen Grenzübergang geben sollte, dauert lang. Sehr lang. Über zehn Stunden sind wir letztlich unterwegs. Aber einmal mehr zeigt sich Südamerika von seiner schönsten Seite. Wer Zeit und Lust und ein eigenes offroadtaugliches Auto hier unten hat, der sollte sich den Weg über den Pass nicht entgehen lassen.

Perito Moreno

29,7 Quadratkilometer ist der Perito Moreno groß. Der größte Gletscher ausserhalb der arktischen Gewässer. Und, dank ausgeklügelter Lenkung der touristischen Strömungen und enormer Entfernung zum nächsten großen Flughafen wird das wohl auch noch ein bisschen so bleiben. Auch wenn die Gletscherdicke jedes Jahr um rund 13 Meter schmilzt. Die Rechnung ist einfach: 700 Meter Eis an der dicksten Stelle geteilt durch 13. In knapp fünfzig Jahren ist er weg, eher schneller, wenn wir so weiter machen, wie bisher.

Perito Moreno muss man live erleben!

Fotos vom Perito Moreno kennt man, wenn man sich für die Panamericana, die Anden oder Natur im Allgemeinen interessiert. Aber nach unserem Besuch hier ist klar: Wenn man den Perito Moreno nicht mit eigenen Augen gesehen hat, hat man ihn nicht gesehen. Und damit ist nicht einmal das Kalben des Gletschers gemeint, wenn Omnibus-große Eisbrocken abbrechen und mit donnerndem Getose in den Lago Argentino fallen. Nein, gemeint ist allein der Anblick etwas so Wunderschönem. Wie mag die Welt wohl vor hundert Jahren ausgesehen haben, als man zum Bestaunen der Natur nicht erst um den halben Globus reisen musste? Ja, natürlich gibt es die Wunder der Natur auch vor der eigenen Haustür, die kleinen, die, die man gerne jeden Tag übersieht. Aber manchmal braucht man erst etwas so großartiges, so beeindruckendes, so gewaltiges wie Perito Moreno, um die kleinen Dinge wieder ins Blickfeld zu schieben.

Nicht viele Menschen waren hier, als wir am Nachmittag den ersten Blick auf den Gletscher geworfen haben. Erstaunlich wenige eigentlich. Und doch war es ein bisschen überraschend, wie still und ruhig alle geworden sind. Die Menschen haben sich nur noch flüsternd unterhalten und das Erlebnis war jedem einzelnen im Gesicht abzulesen.

Satte zwei Meter schiebt sich der Gletscher jeden Tag in Richtung Peninsula Magellanes, die kleine Insel die ihm seit 1917 im Weg steht, seit er sich nicht mehr ausbreiten, wachsen kann. Das Knacken und Grollen im Eis ist so beeindruckend, als würde Perito Moreno mit seinen Besuchern sprechen, das nächste Kalben kurz mal ankündigen. Und unter der warmen Nachmittagssonne weht von Zeit zu Zeit für ein paar Augenblicke ein eiskalter Wind herüber, wie eine Erinnerung daran, das Gesehene ja nicht zu vergessen.

siehe auch: Bilderbuch

Puerto Natales

Im Großen und Ganzen erinnert Puerto Natales mehr an eine amerikanische Kleinstadt, als an ein abgelegenes Örtchen im chilenischen Nichts. Eingekeilt zwischen den Gletschern des Nationalpark Torres del Paine auf der einen Seite und Fjord Ultima Esperanza auf der anderen, führen die etwas zu breiten Straßen fast alle leicht bergab in Richtung Wasser. Die Betonplatten werden flankiert von einstöckigen Häusern, vor denen sich in gähnender Langeweile ein paar Straßenköter die Sonne auf den Pelz scheinen lassen. Der Wind pfeift eiskalt durch die Gassen, still und einsam ist der Ort.
Wir wundern uns noch, dass so ein kleiner verschlafener Ort vor den Toren von Chiles größtem Nationalpark nicht mehr auf Tourismus macht. Von unserem windgeschützten Stellplatz gehen wir quer durch den Ort zu einem kleinen Pub namens „Base Camp“, ganz vereinzelt treffen wir ein paar Menschen. Nichts nennenswertes.

Base Camp in Puerto Natales

Die Stille vor dem Pub wird mit dem Öffnen der Tür jäh zerrissen. Lautes Stimmgewirr wie damals in Babel schallt uns entgegen und wir finden die letzten zwei Plätzchen zwischen jungen Leuten aus Schweden, Botschaftersöhnen aus Finnland, zwei Wasserwirtschaftsstudenten aus Dresden und unzähligen anderen Backpackern, Hikern und Abenteurern. Mit einem Schlag fühlen wir uns alt, der Rest des Pubs ist gefüllt mit Anfangzwanzigern. Allein die Bedienung erreicht annähernd unseren Jahrgang und ist sichtlich begeistert, mal ein paar ältere Semester hier zu sehen. Für mich zum Vorteil, mein neues Bier kommt, bevor mein altes leer ist. Der Rest der Kneipe muss durchweg länger warten.

Dass Puerto Natales nicht dieses kleine verschlafene Dörfchen ist, hätte uns auffallen können, als wir am Schild „City Center“ vorbeigelaufen sind. Gedacht haben wir uns nichts dabei, richtige Stadtzentren haben wir in Südamerika bisher nicht gefunden, meist ist es ein Platz mit ein paar Bäumen und einem Denkmal. In Puerto Natales ist es eine wilde Ansammlung von Kneipen, Pubs und Outdoor-Stores. Alle nennenswerten Marken sind hier versammelt, kleine Geschäfte verkaufen und verleihen Wanderausrüstung, Backpacker-Food und alles, was man im Nationalpark gebrauchen könnte. Die ganze Stadt, bis auf die Straßen, die wir am Vorabend durchlaufen sind, ist auf Torres del Paine ausgerichtet – eigentlich noch ein bisschen mehr, als wir es erwartet hätten. Die ganze Stadt wuselt vor junger Leute, alle planen mehrtägige Wanderungen von Zeltplatz zu Zeltplatz, nur ausgerüstet mit ein paar Dosen Thunfisch, Powerbars und zwei Sätzen Kleidung.

Auf in Richtung Torres del Paine

Unser Weg führt uns fast zwei Stunden durch atemberaubende Landschaften immer in Richtung Nationalpark. Die Straßen sind staubig, verschlungen und vor uns liegen die Gletscher des Parks. Was wir sehen, ist nicht in Worte zu fassen und auch die Bilder zeigen nur einen Bruchteil dessen, was wir entlang des Weges entdecken. 3.247 Meter hoch erstreckt sich die Gebirgskette, umgeben von atemberaubenden Seen, schroffen Felswänden und dem kalbenden Gletscher Grey, „the bluest grey“ genannt. Auf solchen Strecken ist es eigentlich unmöglich, das gesteckte Etappenziel zu erreichen. Immer und immer wieder halten wir an und kriegen die Kinnlade vor Staunen nicht mehr zu – dabei sind wir noch nicht mal im Nationalpark, sondern nur auf dem Weg dorthin. Eindrücke, die man so schnell nicht vergisst (hoffentlich), wir sind uns einig, dass wir kaum jemals eine so schöne Landschaft gesehen haben. Und wir sind uns bewusst, wie dankbar wir sein können, das hier alles sehen zu dürfen!

Spät abends erreichen wir einen kleinen, einsamen Campingplatz direkt vor den Toren des Nationalparks. Unser Asado grillen wir schon fast im Dunkeln unter den aufgehenden Sternen, lassen den Tag bei einem Glas Malbec Revue passieren. Und zwischen den Bäumen, die das kleine Flüsschen neben unserem Stellplatz säumen, lugt zwischen jedem Wipfel irgendwo die Spitze eines Gletschers hervor.

Ushuaia – Ende der Welt

Ushuaia – Fin del Mundo – Ende der Welt. Und für uns der Start unserer Reise entlang der Panamericana. Ushuaia, die „Bucht, die nach Osten blickt“, ist die südlichste Stadt der Welt. Was sich sehr weit südlich anhört, ist gar nicht so tief, wenn man den Vergleich mit der Nordhalbkugel nicht scheut. Ushuaia ist weiter vom Südpol entfernt, als Moskau vom Nordpol. Nichtsdestotrotz kommt weiter südlich nicht mehr viel, zumindest keine Stadt. Und wenn man sich den Globus anschaut und vergleicht, wie weit nördlich das südafrikanische Kapstadt liegt, dann merkt man, so ist es zumindest uns gegangen, wie weit unten man ist. Von Montevideo aus sind wir mehr als 3.600 Kilometer gefahren, davon mehr als 3.000 Kilometer allein auf der argentinischen Ruta 3 durch Patagonien.

Fin del Mundo

Angekommen in Ushuaia ist der Besuch des „Fin del Mundo“-Schildes natürlich Pflicht. Ganz unscheinbar steht es da zwischen ein paar Bäumen direkt am Hafen. Und direkt in der „Innenstadt“. Ushuaia ist viel kleiner, als wir erwartet hatten, so überschaubar, weil es sich genau zwischen Meer und die Gletscher im Hintergrund zwängt. Die meisten Touristen reisen nach Ushuaia eben nur wegen des Stempels „Fin del Mundo“; geschickt spielt man hier mit der Marke. Selbige ist aber wohl auch der einzige Grund, warum es Touristen hierher verschlagen sollte.

Ushuaia findet man wohl entweder trostlos und hässlich oder putzig und bunt. Uns ist es ob des Wetters eher wie trostlos und hässlich vorgekommen. Aber das lag zum einen natürlich daran, dass es uns voll erwischt hat: ein paar Tage Husten, Schnupfen, Heiserkeit (um es mal harmlos zu umschreiben). Zum anderen wurde es überraschend kalt und nass im feuerländischen Frühling. Die Temperaturen fielen auf tagsüber null Grad und wenn es nicht gerade geregnet hat, dann hat es geschneit. So wurde leider nichts aus unserem geplanten Ausflug in den Nationalpark oder einer Wanderung am Gletscherrand. Das Gefängnismuseum war geschlossen, der Fin del Mundo-Zug wollte nicht so fahren, wie wir uns das gedacht haben. Ushuaia scheint im November noch nicht auf Besucher eingestellt zu sein. Nun denn, dann halt beim nächsten Mal. Am Ende der Welt kommt man ja immer mal vorbei.

Ushuaia – alle Jahreszeiten an einem Tag

Apropos Wetter: Ushuaia sei die einzige Stadt, in der man alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben kann, sagen die Einheimischen einhellig, so auch unser neuer Lieblingsmechaniker Arturo, der im Hauptberuf Reifen repariert, für uns aber eine Ausnahme macht und unsere Frontscheibe CarGlas-mäßig flickt, nachdem sie deutliche Spuren einer heftigen Kollision mit einem Miniaturfelsbrocken zu Tage trug.

Ushuaia liegt rund 200 Kilometer südlich von Rio Grande, einer kleinen Stadt am atlantischen Ozean, in der das Leben zu pulsieren scheint. Auf unserer Zwischenstation war selbst nachts um halb zwei keine richtige Ruhe im Ort, überall und irgendwo war immer was los. „Stadt Deiner Träume“, sei Rio Grande, da wundert es nicht, dass wenig Einheimische den Weg entlang der Sackgasse ganz in den Süden einschlagen.

Nichtsdestotrotz: Ushuaia ist einen Besuch wert. Die Natur auf dem Weg hierhin ist mehr als beeindruckend: Berge, Gletscher, Seen, Wälder und jede Menge klare, sauber Luft und ebensolche Gletscherbäche. Wer ein Faible für Natur hat, ist hier bestens aufgehoben. Und sowieso: Wer einmal entlang der Panamericana fahren will oder Feuerland besuchen möchte, der kommt um Ushuaia auf keinen Fall drum herum. Denn eines ist hier einmalig: Das Ende der Welt.

Unser Start auf der Panamericana

Zurück zum Thema: Nach der Verschiffung und der Tour durch Patagonien beginnt in Ushuaia unsere eigentliche Reise. Wir reduzieren die Reisegeschwindigkeit deutlich, vor uns liegen jetzt jede Menge Sehenswürdigkeiten, Länder und interessante Orte. Wir freuen uns auf jeden einzelnen Kilometer. Und bis Alaska sind es einige. Auf geht’s, Panamericana, let’s go!