Patagonien – unsere lange Reise durch Argentinien

Wenn mir jemand gesagt hätte, dass es windig ist in Patagonien, ich hätte es ihm geglaubt. Und wenn jemand gesagt hätte, dass es trostlos ist in Patagonien, dass es von den Nationalstraßen wie der Ruta 3 über hunderte Kilometer rechts und links keinen Weg ab gibt, auch das hätte ich geglaubt. Es reicht nicht mal, selbst in Patagonien gewesen zu sein, um zu erkennen, wie windig und wie trostlos es ist. Man muss Patagonien selbst durchfahren haben.

Als Michaela im Vorfeld der Reise sagte, dass es da (in Patagonien) nichts zu sehen gäbe, ich habe es ihr nicht geglaubt. Da muss doch irgendwas sein. Ja, die Peninsula Valdes gibt es, zwei versteinerte Wälder und den ein oder anderen Ort gibt es auch, Gaiman zum Beispiel. Aber so, wie wir es aus Europa gewohnt sind, sind die Städte halt nicht. Allen Städte fehlt der historische Ortskern, die Kathedrale, der angrenzende Marktplatz, um den sich schon seit Jahrhunderten alles geschart hat. In Argentinien, wie letztlich wohl überall auf dem amerikanischen Kontinent, gibt es das nicht, bleiben also de facto nur Flora und Fauna zur Anschauung.

"Altar" für Gaucho Gil am Straßenrand

„Altar“ für Gaucho Gil am Straßenrand

Fauna in Patagonien

Von der Fauna gibt es hier jede Menge. Ganze Bücher füllen die verschiedenen Vögel, die es zu betrachten gibt (wenn der Wind nicht zu stark weht), es gibt die Wale und Delfine, die Nandus, die Guanacos, die Gürteltiere, Pumas (mit viel Glück), Füchse, Stinktiere, Schlangen, Flamingos. Die Seelöwen, Seeelefanten und Seehunde. Alles Tiere, die man in unseren Breitengraden nur im Tierpark bestaunen (bemitleiden) darf. Und dass nicht nur auf Valdes oder in anderen Nationalparks. Wir haben auf unserer Fahrt entlang der Ruta 3 über rund 3.000 Kilometer so viele Tiere gesehen, dass es nur scheppert. Einen Puma leider nicht, aber auf der Strecke bisweilen alle 500 Meter eine Guanaco-Herde mitten auf der Fahrbahn. Auch deswegen dauert die Fahrt so lange: immer wieder bremsen, immer wieder anfahren. Nandus, Laufvögel, die gut getarnt am Straßenrand (oder drauf) stehen und ihrem Namen keinerlei Ehre machen: Sie stehen einfach. Die unzähligen (mehrere hundert) Seelöwen, gut versteckt und von der Straße aus nicht einzusehen, aber doch direkt daneben – wir haben sie nur durch Zufall gesehen, weil wir eigentlich nur das Meer fotografieren wollten. Und Vögel bis der Arzt kommt. Soweit die Fauna in Patagonien und natürlich auch nur der Teil, den wir im Vorbeifahren gesehen haben.

Guanacos

Guanacos

Flora in Patagonien

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Eigentlich wäre der Absatz hier zu Ende. Denn die Trostlosigkeit hängt stark mit dem Bewuchs der Landschaft zusammen. Es wird mit jedem Kilometer weniger. Nicht, dass es oben, zu Beginn der Ruta 3, viel sei. Trotzdem kommt danach nur noch noch weniger.
Aus wenigen Bäumen werden Sträucher. Aus Sträuchern werden weniger Sträucher. Und noch weniger. Und dann sind es irgendwann nur noch Grasbüschel. In der Rinne rechts und links neben der Fahrbahn sind sie noch grün und hübsch anzusehen; so hübsch wie ein Grasbüschel nun mal anzusehen ist. Aber weiter draußen, also jeweils ab 50 Zentimetern neben Asphalt oder Beton, da werden die Büschel grau und dunkelbraun und manchmal gelb. Aber meistens so trost- und farblos wie die Landschaft. Wie Karin schon sagte: Und irgendwann freust Du Dich, weil Du wieder einen Baum siehst.

Die Land und Leute

Die patagonische Landschaft ist platt. Sehr platt. Offensichtlich alles, was östlich der Anden liegt, ist in Argentinien platt. Über Kilometer, soweit das Auge reicht, gibt es keinen einzigen Hügel, von Bergen mal ganz zu schweigen. Große Teile der Landschaft zieht sich fast auf Meereshöhe oder auf rund 300 Metern dahin. Aber nicht abwechselnd, sondern über hunderte Kilometer gleichbleibend. Allein hinter Rada Tilly, einem kleinen „Ferienort“ für die reichen Ölarbeiter und –manager, die bei der Suche nach Wasser versehentlich auf Öl gestoßen sind. Rada Tilly liegt in einer kleinen grünen Talebene, hat ein paar wunderschöne Buchten, Strände, grüne Flächen. Aber sonst? Plattes Land soweit das Auge reicht. Kein Baum (siehe oben), kein Strauch (siehe oben) und nur ganz wenige Ortschaften. Was das Navigationssystem als „Großstadt“ deklariert, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als kleiner Ort, Ortschaften bestehen manchmal nur aus einem einzigen Haus, das an der Kreuzung zweier Nationalstraßen liegt. Auf Straßenschildern dann mit der Entfernung „0“ angegeben, damit man es auch ja nicht verpasst.

Mit wenigen Ausnahmen sind die Menschen in Patagonien (wie im übrigen Argentinien, so unsere Erfahrungen) ausgesprochen nett und freundlich. Fremde kommen nicht so oft hierhin, schon gar nicht außerhalb der Saison und ohne Reiseführer. Klar, unser Auto bringt uns schnell ins Gespräch, Land Rover sieht man hier fast nie. Und selbst ich mit meinen rudimentären Spanischkenntnissen („Siiiiiii!“) kann mich gut durchwurschteln, weil jeder, den wir treffen, behilflich sein möchte.

Wenn wir denn jemanden treffen. Auf dem Land, raus aus den Ortschaften, sieht man keine Menschenseele. Klar, was wollen sie auch hier, draußen in der Flora und Peripherie. Auf unserer ganzen Fahrt haben wir einen einzigen Fußgänger gesehen. Und ein paar hundert Kilometer weiter einen einzigen Gaucho. Beide fernab jeglicher Zivilisation. Was auch immer die beiden da wollten. Vielleicht verstecken spielen.

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Wind in Patagonien

Man kann es nicht beschreiben. Jeder, der schon mal hier war, mit dem wir gesprochen haben, hat uns vom heftigen Wind erzählt. Vom dauerhaften Wind. Vom immer währenden Wind. Aber erstens glaubt man es nicht und zweitens muss man das erlebt haben.
Es ist kein laues Lüftchen, das da weht. Es ist ein permanenter Wind von 40, 50 oder 60 km/h der weht und weht und weht. Allein deswegen haben es die Bäume hier eher schwer. Und wenn sie doch mal wachsen, dann immer nur in eine Richtung. Jeder Baum und jeder Strauch hat eine kahle Seite. Da weiß man, woher der Wind weht.
Autofahren ist unglaublich anstrengend. Permanentes Gegenlenken, immer die Hand am Steuer, wachsam und wartend auf die nächste Böe. Und wenn keine Böe kommt, dann eben eine Guanaco-Herde im Querverkehr.

Der Benzinverbrauch explodiert von 10 Litern (bei dauerhaft 80 km/h) auf sagenhafte 17,6 Liter pro hundert Kilometer. Gut, dass der Sprit hier im Süden Argentiniens subventioniert wird. Umgerechnet 95 Cent kostet ein Liter EuroDiesel aktuell.
Es zieht sich hin und ist auf Dauer sehr anstrengend. Und wenn Du denkst, es kann nicht schlimmer kommen, dann steht da ein Schild das vor starkem Wind warnt. Denkste, das geht nicht? Geht doch! Das Schild lügt nicht, der Wind wird noch stärker.

Und egal, ob Du gerade keine Lust mehr zum Weiterfahren hast oder eine Pause machen willst: es geht nicht. Nirgendwo ein Unterstand, eine Tankstelle oder ein Parkplatz. Geschweige denn ein kleines Örtchen mit einem netten Cafe. Einfach nur Nichts. Und alle 150 Kilometer eine Tankstelle, die nicht nur zum Tanken, sondern auch zum Duschen oder Essen einlädt. Aber eben nur alle 150 Kilometer.

Jeden Abend die Suche nach einem halbwegs geschützten Platz. Der Wind wackelt so unglaublich am Auto, am Dachzelt, das kommt schon nah an unsere Flucht vor dem Zyklon in Uruguay heran. Nur weht der Wind hier immer so, Tag und Nacht und Nacht und Tag. Jeder Strauch, jeder Baum, jede Hauswand ist willkommen. Und selbst dann wackelt es im Dachzelt immer noch mehr, als auf dem Schiff, sagt Hase. „Approved by patagonien winds“, schreibe ich Dietmar, der das Hubdach gebaut hat. Wenn es diese Winde aushält, dann kann es nichts mehr erschüttern. Bisher hält es.

Die Straßen von Patagonien

Sie ziehen sich so endlos hin. Man muss schon gut mit sich selbst zurecht kommen. Denn selbst wenn Du zu zweit unterwegs bist, in dieser Einöde geht Dir irgendwann der Gesprächsstoff aus. „Hase, schau mal“ (gespielte Begeisterung), „was ist das für ein seltsames Tier, wow!“ (gesteigerte gespielte Begeisterung).
„Wo? Wo?“ „Da vorn, schau, ach ne, war nur ‚nen Strauch!“ Und dann kommt langes Schweigen. Und endlose Straßen. Und man ist mit seinen Gedanken allein. Hunderte Kilometer geht es einfach nur gerade aus. Einfach nur gerade aus.

Warum kleinste Kurven hier mit Warnschildern und Überholverboten angekündigt werden, versteht man irgendwann: die Konzentration lässt nach. Und wenn die Straßen mal nicht frisch geflickt sind, dann kann es schon mal mannshohe Schlaglöcher geben. Eigentlich keine Schlaglöcher mehr, manchmal fehlt einfach ein Stück Straße. Und wenn das so kommt oder eine „Curva Peligrosa“, dann mag es schon mal scheppern. Die Kreuze an den Straßenrändern lassen sich so vielleicht ganz gut erklären.

Es zieht sich hin und es wird nicht abwechslungsreicher. Kaum auszudenken, wie das in Zeiten ohne Auto und geteerter Straßen war. Man reitet stunden- oder tagelang einem einzelnen Hügel entgegen, des guten Überblicks wegen, und wenn man endlich oben angekommen ist auf dem scheiß Hügel, dann sieht man von oben nichts. NICHTS außer der gleichen Landschaft, durch die man schon seit Tagen oder Stunden geritten ist. Mit dem Autofahren und dem scheiß Hügel ist das übrigens nicht viel anders.

Bevor wir los sind, gab uns Hartmut, selbst erfahrener Patagonien-Erfahrer, den wichtigsten Tipp: „Lasst keine Tankstelle aus!“. Jaja, alter Hase und so, das hätte auch schief gehen können. Der Dieselverbrauch explodiert und dann kommt keine Tankstelle. Weit und breit nicht. Wir haben natürlich immer vollgetankt, an jeder YPF oder Petrobras, die auf dem Weg liegt. Aber selbst dann: Ohne unseren Zusatztank wären wir auf einer Etappe fast nicht durch gekommen, weil wir eine eine Tankstelle ausgelassen haben. Der hohe Verbrauch und die weite Entfernung zwischen den Tankstellen bringen den Standard-Defender an seine Reichweitengrenze. Nicht auszudenken, wenn man hier eine Panne hat.

Den Luxus betonierter oder geteerter Straßen gibt es freilich nur auf den Nationalstaßen oder Autovias. Nationalstraßen führen mal in Nord-Süd-Richtung oder von Westen nach Osten quer durch das ganze Land und sind mit wenigen Ausnahmen ihn „gutem“ Zustand, vielleicht vergleichbar mit belgischen Landstraßen. Autovias sind vierspurige „Autobahnen“, getrennt durch einen breiten Grünstreifen. Die argentinische Regierung hat angekündigt, in den nächsten Jahren 6.500 weitere Kilometer Nationalstraßen und 1.000 Kilometer Autovias zu bauen. Wenn man bedenkt, wie lang das Land ist, ist das nicht wirklich viel.
Nebenstraßen hingegen, also alles fernab der RNs und Autovias sind meistens nicht geteert, auch nicht innerhalb von Ortschaften. Das sind dann oft Waschbrettpisten, mit kleinen Querrillen, die von Fahrer, Beifahrer und Auto so ziemlich alles verlangen, was sie zu bieten haben. Da überlegt man sich zweimal, ob man die 50 Kilometer zum nächsten Nationalpark tatsächlich noch mitnehmen will. Nicht geteert, och nö, dann lass mal.
Natürlich kommt es dann zu einer kruden Mischung aus Sand und Wind. Nichts, was hier auf der Straße liegt, bleibt bei diesen Winden liegen, gerade kein Sand, der in alle Ritzen des Autos kriecht, fein und widerspenstig sucht er sich seinen Weg ins warme Defender-Innere, wo wir ihn dann bei jeder Gelegenheit wieder zu entfernen versuchen. Ohne Staubsauger? Fast unmöglich. Wie sehr wünsche ich mir manchmal den Teppichklopfer meine Omi zurück.

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Straßen in Patagonien

Faszination Patagonien

Und warum das Ganze? Patagonien gehört zu den Dingen, die man gemacht haben muss. Kein Bild, keine Erzählung, kein Film kann Weite, Wind und Wirklichkeit Patagoniens so herüber bringen, wie sie tatsächlich sind. Das liegt allein schon am Wind, der sich auf Fotos so schlecht zeigen lässt. Patagonien ist in seiner Einfachheit so unendlich faszinierend, dass man es selbst erfahren muss. Und nach weit mehr als 3.000 Kilometern in eine Richtung ist man um eine enorme Erfahrung reicher. Versprochen – auch wenn Patagonien nicht zur Panamericana gehört!

Gaiman

Gaiman: „Das herausgeputzte Dorf (…) präsentiert walisische Gemütlichkeit. (…) Man kann (…) stundenlang Tee trinken, (…) sich beim Spaziergang an den gepflegten Gärten, Rosenstöcken und niedlichen Häuschen erfreuen. Jeder scheint in dieser walisischen Musterkolonie vom Tourismus zu leben“.

So steht es im Reiseführer. Und weil wir gerne stundenlang Tee trinken (nein, eigentlich Kaffee, aber man kann ja mal eine Ausnahme machen) haben wir einen kleinen großen Abstecher von unserer eigentlichen Reiseroute gemacht und einen Ausflug nach Gaiman eingeschoben. Gaiman liegt ein paar Kilometer im Hinterland von der Atlantikküste entfernt. Eigentlich mitten im patagonischen Nichts. Büsche, Sträucher und Zäune. Mehr würde man landschaftlich nicht erwarten. Aber Gaiman liegt in einem kleinen windgeschützten Tal an einem Flüsschen, der Oleander blüht, die (vereinzelten) wilden Rosenstöcke auch und Bäume gibt es hier in rauen Mengen (wenn man den zahlenmäßigen Vergleich zu Restpatagonien bemüht).

Beim Rest des Ortes muss man aber die Frage erlauben, ob der Autor des Reiseführers selbst überhaupt hier war. Nun ja, vielleicht ist es eine Frage der Relation, ob man „walisische Musterkolonie“ nun so oder so betrachtet. Nach einem ausführlichen Ausflug in die Stadt wäre ich, soweit ich Waliser wäre, aber einigermaßen stinkig. Ich war noch nie in Wales, lehne meine Sichtweise an die Erzählungen anderer an, aber unter „walisischer Gemütlichkeit“ stelle ich mir etwas anderes vor. „Niedliche Häuschen“ haben wir ebenso wenig gesehen, wie gepflegte Gärten und wo die vermeintlich unzähligen Touristen überhaupt unterkommen sollen, ist mir jedenfalls ziemlich schleierhaft. Hotels haben wir keine gesehen, Ferienwohnung & Co., so wie sie in anderen argentinischen Städten an der Perlschnur aufgereiht zu finden sind: Fehlanzeige. Und unser Campingplatz auf dem Gelände der Bomberos (freiwillige Feuerwehr) ist an negativer Einstellung gegenüber Gästen kaum zu überbieten: Die Menschen nicht sonderlich freundlich, der Platz eine Mischung aus Schrott- und Campingplatz, zwei einsame Labradore, die in einer Ecke im Zwinger hinter Gittern ein lustloses, trauriges Dasein verbringen, die Banjos für Damas y Caballeros seit Wochen nicht mehr mit Putzmitteln in Berührung gekommen.

Gaiman und seine Sehenswürdigkeiten

Das Teemuseum der Stadt gibt es noch, die größte Teestube steht mitterweile zum Verkauf und die vielen Hinweise auf die walisische Herkunft der Einwohner scheinen auch mehr und mehr zu verschwinden. Allein den Leuten auf der Straße sieht man noch an, wo ihre Vorfahren geboren wurden. Die drei alten Damen, gepflegt im Strickjäckchen, mit Handtasche bewaffnet, hätten ihren Wegesplausch auch gut und gerne mitten in London halten können, der orange-rothaarige Mann mit dem breiten Lachen vor dem „pitoresken“ Bankgebäude kann seine Herkunft von der Insel auch nicht wirklich verleugnen. Der einzige Rothaarige, den wir bisher in Südamerika gesehen haben.

Es gibt eine Pferdefigur am Eingang zur Stadt, einen alten Eisenbahn-Tunnel von 1914, der geschlossen wurde und, tja, also, äh …. Oh, halt, da war noch was, Lady Di war mal hier und hat Tee getrunken. In einer der Teestuben, von denen es viele auch nicht mehr zu geben scheint. Also Lady Di, also die Di, war auch schon mal in Gaiman.

Gaiman – so unser Eindruck – ist nicht gemütlich. Es ist nicht niedlich und auch nicht sonderlich gepflegt. Okay, vielleicht haben wir einen falschen Tag in der Vorsaison erwischt, vielleicht ist Gaiman im argentinischen Sommer die Vorzeigekolonie walisischer Einwandererkultur. Vielleicht ist Gaiman aber auch nur das, was es im Reiseführer ist: eine Randnotiz auf Seite 320 in der Rubrik Ausflüge. Sehenswürdigkeiten: keine.

Unerhörtes und unbekanntes Argentinien

Unsere Rubrik „Unerhörtes und unbekanntes“ – Dinge, die uns aufgefallen sind, lustige, bemerkenswerte, interessante. Als kleine Anekdoten-Sammlung.

Einsam, einsam ist es in der Wüste

Einsam, einsam ist es in der Wüste

Aqui hay senal de celular – hier gibt es ein Funksignal. Über weite Strecken ist selbst die größte Einöde Patagoniens mit einem exzellenten Mobilfunksignal abgedeckt. Aber eben nicht überall. Und da, wo es auf längeren Strecken mal kein Signal gibt, da weisen dann entsprechende Schilder auf das Signal hin. Hier kann man telefonieren! Die Fahrspuren am Strassenrand weisen auf eine rege Nutzung hin. Soweit man denn von „rege“ sprechen kann, wenn nur alle halbe Stunde mal ein Auto vorbei kommt.

Guanacos crossing

Guanacos crossing

Guanacos crossing – so viele haben wir nicht gesehen, die über die Strasse springen, aber dafür gibt es zahlreiche Schilder die auf die Gefahr des Wild-/Guanaco-Wechsels hinweisen.

So richtig weit ist es ja nicht mehr.

Kilometerangaben sind in Argentinien eine ganz andere Hausnummer. Argentinien ist achtmal so groß wie Deutschland, das spiegelt sich nicht zuletzt in den Strassenschildern wider. Da steht dann nicht „Eschweiler 11 Kilometer“, sondern halt „Ushuaia 2117 Kilometer“. Und das steht da nicht nur, um die Touristen zu beeindrucken, sondern vor allem, weil dazwischen halt nicht so viele nennenswerte Orte, geschweige denn Städte liegen. Also gibt man die nächsten Ziele an, und seien sie noch so weit entfernt.

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Das ist nicht etwa ein Müllhaufen am Straßenrand, sondern ein Altar für Difunta Correa. Die Geschichte kann man auf Wikipedia nachlesen: Sie ist die Schutzheilige der Reisenden, LKW-Fahrer legen an ihren Schreinen volle Wasserflaschen nieder, weil das Kind der verdursteten Correa Dank der Muttermilch überlebt hat.

"Altar" für Gauchito Gil am Straßenrand

„Altar“ für Gauchito Gil am Straßenrand

Ähnlich der Straßenaltäre für Difunta Correa, aber noch viel weiter verbreitet und weithin zu sehen, sind die Altäre für Gauchito Gil. Ein bisschen wie Robin Hood, dazu noch die Legende um das kranke Kind seines Henkers und geboren war der Volksheilige Gauchito Gil. Entlang der Nationalstraßen sind fast überall im Land kleine rote Häuschen mit wehenden roten Flaggen zu sehen.

 

Peninsula Valdes

Nach 1.700 Kilometern sind wir endlich auf Valdes angekommen. Stundenlang wie am Bindfaden gezogene Straßn, immer gerade aus. Alle Nas’ lang mal ein Auto oder LKW, alle paar Stunden eine kleine Stadt oder eine YPF-Tankstelle, eine Lebensmittelkontrolle oder eine Mautstelle. Und dann endlich die Peninsula Valdes.

Valdes – 3.600 Quadratkilometer Weltnaturerbe

Valdes ist eine rund 3.600 Quadratkilometer große Halbinsel an der argentinischen Atlantikküste, UNESCO Weltnaturerbe und weitestgehend unberührte Wüstenlandschaft. In unseren Breitengraden bekannt geworden ist Valdes wegen der vor der Küste vorbeiziehenden Orcas, die an Land hechten, um eine der Robben als Vorspeise zu vertilgen. Dabei gibt es natürlich neben der Orcas noch zahlreiche andere Tiere, viele verschiedene Vogelarten, Seeelefanten und –löwen, Wale, Gürteltiere, Guanacos und ach was weiß ich noch alles. Schafe gibt es auch, aber das ist ja jetzt nicht so erwähnenswert.

Sonnenuntergang auf Valdés

Sonnenuntergang auf Valdes

Valdes ist viel größer als wir uns die Halbinsel vorgestellt haben. Um die einzelnen Aussichtspunkte, Buchten und Strände zu erreichen, ist man schon mal ein paar Stunden unterwegs. Die Straßen sind geschotterte Wellblechpisten mit unzähligen kleinen Querrillen, gefüllt mit ultra-feinem Sand. Fahren ist sensationell beschissen, das Auto quietscht und wackelt an allen Ecken. Und der Staub der Strecke kriecht in jede Ritze. Geschlossene Fenster und trotzdem wird die Sonnenbrille dreckig; tief einatmen geht nicht, weil wir das Gefühl haben, dass der Wüstenstaub im geschlossenen Auto tief in unsere Lungen kriecht. Als wir nach zwei Tagen Valdes in Puerto Madryn ankommen, verbringen wir erstmal zwei Stunden mit dem Putzen den Autos; von innen und außen. In der Nacht schließen wir uns ungewollt ein, weil der Mechanismus der Hecktür so verstaubt ist, dass das Schloss nicht mehr aufgeht. Aber das sind nur die Kollateralschäden zwei schöner Tage auf Valdes.

Sand- und Schotterpisten

Sand- und Schotterpisten

Wild Camping ist zwar nicht erlaubt, aber es wird an einigen Stellen auf der Insel geduldet. Wir verbringen die Nächte direkt am Wasser, belohnt werden wir mit einem sensationellen Sonnenuntergang – wir sind uns einig, dass es der schönste ist, den wir je gesehen haben. Und immer weht der Wind, dieser patagonische. Immer! Und es gibt in dieser kargen platten Landschaft keinen einzigen Baum, der das Zeltdach unseres Reisemobils schützt. Immer schlägt der Wind gegen die Zeltplane. In einer Nacht stellen wir das Auto zweimal um und drehen die Nase wieder in den Wind, damit es wenigstens ein bisschen erträglich bleibt.

Die Tiere lassen sich nicht in so großer Vielfalt sehen, wie wir gehofft hatten. Orcas haben wir genauso wenig gesehen, wie Laufvögel und Gürteltiere. Das tut aber dem Ausflug keinen Abbruch. Wale, Pinguine und Seelöwen/-elefanten gab es zu Genüge. Dazu die reizvolle Landschaft, die unglaubliche Stille und das Erlebnis einer einzigartigen Insel.

Wir sind uns noch nicht ganz einig, ob Valdes das Must-See ist, als dass es immer angepriesen wird. So viel gibt es in Patagonien eh nicht zu bestaunen, da ist diese Ecke schon eine besondere Ausnahme. Wer hier in der Gegend ist, sollte auf jeden Fall hin fahren. Aber extra hierhin? Einig sind wir uns, was den Eintrittspreis anbelangt. Gut 22 Euro kostet die Einreise pro Person. Ein Haufen Geld, keine Frage. Aber wir betrachten das nicht als Eintrittsgeld in einen Naturpark, sondern als Beitrag zur Erhaltung einer einmaligen Landschaft. Schön, dass solche Flecken noch nicht dem Tourismus zum Opfer gefallen sind.

Mehr Bilder gibt es in unserem Bilderbuch Valdes

Letzte Tage in Uruguay

Uruguay liegt nicht mal annähernd in der Nähe der Panamericana, deswegen machen wir uns nach dem Unwetter der letzten Tage jetzt ganz schnell auf in Richtung Süden. Die nächsten Etappen erledigen wir quasi im Schnelldurchlauf. Zeit haben wir nur, bis unsere Fähre von Colonia del Sacramento nach Buenos Aires fährt. Unter der Woche ist die Fähre mit dem Auto nahezu unbezahlbar, an manchen Tagen kann man aber Glück haben und es wird zumindest erträglich.

Vorher geht es aber noch für zwei wunderbare Tage nach Colonia del Sacramento, Weltkulturerbe, Städtchen mit wunderbar verträumten Gässchen, kleinen bunten Häusern und einem traumhaften Blick auf den Rio de la Plata. Wenn der halt nicht immer so dreckig braun wäre. Colonia ist nicht nur einen Blick wert, sondern viele. Das haben auch die unzähligen Argentinier gemerkt, die hier jeden Tag mit der Fähre morgens einfallen, die Stadt unsicher machen und abends wieder zurück in die Heimat fahren. Dann ist es unglaublich ruhig und still hier. Wir übernachten direkt am Wasser, unter Palmen, geweckt vom Geschrei der Papageie. So haben wir uns Südamerika vorgestellt. Traumhaft schön. Und so ist es auch!

Wir treffen Mike wieder, der uns Dank unserer Positionsangabe gefunden hat und Chris, die vor zwei Jahren nach Uruguay ausgewandert ist und heute das Hostel Remus Art betreibt. „Hostel“ ist dabei aber schamlos untertrieben, es ist eher ein toll eingerichtetes Bed & Breakfast. Wenn wir ein paar Tage mehr Zeit hätten, wären wir sicherlich nochmal zum Käsefondue geblieben. Mit Mike leeren wir noch eine Flasche Rotwein im Sonnenuntergang vor Colonia und genießen die Zeit, bevor es wieder in die Großstadt geht. Letzter Stopp Buenos Aires, bevor wir endlich, endlich ins Hinterland fahren, immer auf dem Weg zu unserem eigentlichen Panamericana-Startpunkt in Ushuaia.

Fähre nach Buenos Aires

Wir versuchen die Fähre via Internet zu buchen. Die Webpreise sind unschlagbar günstig, auch wenn wir lustiger Weise auf die argentinische Webseite der Fähre geleitet werden. Auf der uruguayischen Seite dürfen nur Einheimische buchen, Ausländer müssen auf die andere Webseite. Dort gibt es ähnliche Preise, natürlich ein bisschen teurer, aber dummerweise kommen wir mit Visa und Amex nicht weiter, beide Karten werden abgelehnt. Bleibt also nur die Hoffnung, dass wir im Büro in Colonia mit ein bisschen Tränendrücken den argentinischen Webpreis bekommen. Freudig erklärt und die Dame im Büro, dass sie unsere Buchung sieht und das auf den urguayischen Einwohner-Preis reduzieren kann. Ausländer dürfen zu den günstigen Webpreisen auch direkt im Büro buchen – sagt einem nur keiner. Statt über 200 Euro haben wir am Ende 69 Euro für die Fähre bezahlt.

Dass unser Auto zu hoch sein könnte, hat uns natürlich niemand gesagt. Wir fragen sicherheitshalber nach, was zu ein wenig Verwirrung in Colonia führt. Hier würde es passen, wenn wir die Boxen vom Dach nehmen, sagt der Offizier der Fähre. Aber ob es auch in Buenos Aires passt. Wir warten ein bisschen gespannt auf den Anruf, denn wenn das nicht klappen würde, dann hätte das einen kleinen Umweg von bescheidenen 500 Kilometern zur Folge; bis zur nächsten, ersten Brücke über den Rio Uruguay in Fray Bentos.

Kein Problem, heisst es kurze Zeit später, unser Auto sei 2,32 Meter hoch, das Gate in Buenos Aires 2,30 Meter. Das passt schon. Es passt wirklich, denn 2,20 Meter sind tatsächlich mindestens 2,50 Meter. Ich möchte nicht wissen, wer da nachgemessen hat. Buenos Aires halt, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Flucht vor dem Sturm

Dass es in der Nacht nach meinem Geburtstag heftig regnen und stürmen würde, dass hatten wir schon erwartet. Vorsorglich schauen wir uns natürlich immer den Wetterbericht der kommenden Tage an, bevor wir die nächste Etappe planen. Deswegen haben wir alle beweglichen Teile eingeklappt, verstaut und gut befestigt. Es wurde dann doch ein bisschen schlimmer, als erwartet, sodass wir mitten in der Nacht das Hubdach wieder eingeklappt und notgedrungen unser für eine Person ausgelegtes Notbett im Untergeschoss zu zweit einweihen konnten. Der Wind hat so heftig oben gegen die Zeltplane geschlagen, dass wir ein bisschen Angst um unser Auto bekommen haben. Man muss ja nichts riskieren! Die Suche nach einem windgeschützten Stellplatz blieb erfolglos, der Wind drehte immer und permanent in andere Richtungen. Hier zeigen sich dann erstmals die Nachteile zu den großen Unimog-Reisemobilen und den MAN-Trucks mit Kabinenaufbau. Da wackelt der Sturm vielleicht ein bisschen an der Kabinentür, das war es dann aber auch schon.

Die Idee, dass Notbett zu zweit benutzten zu wollen, war irgendwie von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Zu eng, zu hart, zu viel U-Boot-Feeling. Für eine Person ist das okay, wenn der andere oben im Dach schlafen kann (muss, weil krank oder überdrüssig), zu zweit: no way! Deswegen haben wir uns dann am Morgen nach einem weiteren Blick auf die Wetterdaten und einem kurzen Schnack mit KachelmannWetter via Twitter dazu entschieden, unsere Zelte im Paraiso Suizo vorzeitig abzubrechen und vor dem Wetter zu fliehen.

Wir fliehen ins Hotel

Keine Chance. Sturm mit 80-90 km/h, dafür ist das Dach nicht gemacht. Die Sturmwarnung galt noch für weitere 24 Stunden, erst am Samstag morgen ab 5.00 Uhr sollte es wieder besser und ruhiger werden, langsam aufklaren. Selbst unsere Flucht von fast 100 Kilometern in Richtung Argentinien brachte uns nicht in ruhigere Gefilde. Deswegen irgendwann schweren Herzens der Entschluss, in ein Hotel auszuweichen. So hatten wir uns unseren Start in Südamerika nicht vorgestellt, aber wir wollen ja auch noch etwas von der Reise und vom Auto haben. Und genau für solche Situationen haben wir in unserem Reisebudget ein bisschen Spielraum gelassen: für eine sichere Nacht im Hotel.

Für uns heißt es damit etwas überstürzt schon wieder Abschied zu nehmen. Unsere Reisetruppe von der Grande Angola, die sich hier nochmal spontan zu meinem Geburtstag getroffen hat, trennt sich für … … … ach, darüber wollen wir eigentlich gar nicht nachdenken. Es war eine tolle Zeit mit Euch! 😢

 

Montevideo

Montevideo ist die erste Station auf unserer Reise entlang der Panamericana. Direkt nach der Ausschiffung von der Grande Angola haben wir uns in die Hauptstadt Uruguays gestürzt. Ein bisschen aufgeregt, dass es jetzt endlich losgeht und ziemlich neugierig auf Südamerika.

Auf das Mausoleum von General Artigas am Plaza Independencia, am wohl wichtigsten Platz des ganzen Landes, da kleben ein paar junge Leute eine große Timeline der Frauenrechte an die Marmorwand. In unserer Wahrnehmung hat Uruguay früher damit angefangen, Frauen auf die gleiche oder zumindest eine ähnliche Stufe zu stellen, wie die Rippenspender der Evolution, als jedes andere Land. Und so liberal Uruguay mit den Frauenrechten umgeht, so liberal zeigen sich das Land auch beim Umgang mit Cannabis. Das Rauchen ist schon länger erlaubt, als in manch anderen Staaten überhaupt bekannt ist, wie viel Spaß so ein Joint machen kann. Nicht ganz so schlimm wie in Amsterdam, aber beim Gang durch die hippen Viertel der Stadt ist man mehr oder minder permanent kontaktstoned – mitrauchen ist ganz einfach, einatmen reicht. Oder die Schwulen- und Lesbenszene. Seit Jahrzehnten anerkannt und mit so einem hohen Stellenwert, dass der Monat der Vielfalt im Staat verankert ist.

Montevideo, spiegelt wider, wie das Land sich fühlt. Mehr als drei Viertel der Einwohner Uruguays leben in der Hauptstadt und man kann an jeder Ecke fühlen, wie jung die Nation sich macht. Montevideo ist nicht so gezwungen „hipp“ wie Berlin, nicht so tradtionell verkopft wie München und nicht so gewollt fröhlich wie Köln. Man hat das Gefühl, dass das hier einfach so und einfach so richtig ist. Montevideo ist so gewaltig modern, ohne die eigene Geschichte zu vernachlässigen. Es ist so weltoffen, dass es mich an unweigerlich an Vancouver erinnert: Jeder ist willkommen und jeder darf und kann, was er will und was er ist.

Endlich raus aus dem Schiff

Endlich raus aus dem Schiff

Zu Fuss durch Montevideo oder mit dem Auto ums Karree

Die Altstadt mit der Fussgängerzone Sarandi ist schnell durchlaufen, die Wege auf der Landzunge sind kurz. Häuser, die an New Orleans erinnern, manchmal auch an Kuba, aber wunderschön anzuschauen. Solange, bis ein Investor sie für sich entdeckt. An den chic verfallenden Altbestand schliesst sich unmittelbar das neue Zentrum an mit Hochhäusern und Bürogebäuden, breiten Verkehrsadern und natürlich kommt dann auch irgendwann ein enorm grässliches Einkaufszentrum. Und zwischendrin immer wieder diese wunderschönen Art Deco-Bauten wie der Palacio Rinaldi und so manches einfache Wohnhaus. Architekturfans kommen hier voll auf ihre Kosten. Nicht umsonst nennt manch einer Montevideo die Art Deco-Hauptstadt von Südamerika.

Altstadt von Montevideo

Altstadt von Montevideo

Glücklich, wer zu Fuss unterwegs ist oder sich auskennt. Denn das Zentrum von Montevideo besteht fast ausnahmslos aus Einbahnstrassen, links abbiegen, weil sich da gerade ein Supermarkt findet, ist oft unmöglich. Stattdessen muss man einmal im Karree um die Ecken kurven. Gewöhnungsbedürftig sind auch ein bisschen die Ampeln, die sich immer auf der gegenüberliegenden Strassenseite befinden. Denkt man nicht dran, fährt man schon mal unvermittelt in eine Kreuzung hinein, während der Querverkehr schon Gas gibt. Aber eines muss man ihnen lassen, den montevideischen Autofahrern: gelassen sind sie. Angehupt hat uns keiner, auch wenn wir noch so durch die Strasse geschlichen sind.

Endlich wieder WLAN

Die erste Nacht nach der Schiffsreise haben wir im Hostel El Viajero verbracht, nachdem wir erstmal vergeblich um durch die ganze Stadt getigert sind. Die Adresse im aktuellen Reise Know How-Reiseführer ist schlicht und einfach verkehrt, das Hostel liegt in einem ganz anderen Stadtteil. Im Hostel endlich wieder schnelles WLAN, ein Skype-Call mit Mama, ein lokales Bier, das viel zu gut schmeckt und dann ab zur Markthalle zurück zum Hafen.

Die Markthalle ist bekannt für ihr gutes Fleisch. Vegetarier haben es hier schwer, wir freuen uns über ein sensationelles „Baby Beef“ und richtigen Tomatensalat mit Unmengen an Zwiebeln. Eine Flasche uruguayischen Sauvignon Blanc darf man hier natürlich nicht unterschlagen. Die Markthalle erinnert auch an Vancouver, wie „Grandville Island“. Nur, dass es Fleisch, statt Obst und Gemüse gibt. Wir sind uns einig: Wir haben noch nie ein besseres Steak gegessen. Wie soll Argentinien das noch toppen?

Die Nacht im Hostel ist laut und warm, die Party findet ohne uns statt. Langsam gewöhnen wir uns daran, unseren Tagesablauf nach der Sonne zu richten. Wir sind weit vor zehn Uhr im Bett. Das erweist sich letztlich auch als ganz praktisch, weil wir das Hostel am nächsten Tag wegen Doppelbelegung unseres Zimmers wieder verlassen müssen. Nicht schlimm, weil die Unplanbarkeit wahrscheinlich eh die meiste Zeit unserer Reise bestimmen wird. Wir entscheiden uns dafür, direkt nach Paraiso Suizo an der Ruta Interbalnearia aufzubrechen. Ein Campingplatz, betrieben von den beiden Schweizern Silvia und Heinz, die eigentlich nie einen Campingplatz in Uruguay aufmachen wollten. Aber das Leben kommt halt manchmal anders, als man denkt.

Meeting am Leuchtturm

Meeting am Leuchtturm

Einkaufen in Montevideo

Für uns heißt es „los geht’s“ und dazu gehört auch der Einkauf im Supermarkt, um den Kühlschrank mit einem Mindestmaß an Vorräten zu füllen. Ein bisschen Gemüse, Käse und Wein, Obst und Kaffee natürlich. Wir haben gelesen, dass die Lebenshaltungskosten in Uruguay annähernd europäisches Niveau erreichen. Dass es so (fast unverschämt) teuer ist, haben wir nicht erwartet. Fast nichts kostet weniger als 100 Pesos, umgerechnet etwas mehr als 3 Euro. Orangensaft: 105 Pesos, Parmesan: 845 Pesos, 6 Liter Trinkwasser: 185 Pesos, billiger Rotwein: 135 Pesos. Und zum Vergleich der gerade neu eingeführte Johnnie Walker-Index: 40 Euro. Zum Vergleich: Grande Angola vor Dakar: 20 Euro, vor Zarate: 16 Euro. Deutschland: 10,99 Euro. Für die Erstversorgung legen wir rund 85 Euro auf den Tresen, vermutlich hätten wir in Deutschland rund 45 Euro für den gesamten Einkauf bezahlt. Das strapaziert das Reisebudget enorm; genauso wie die Tankfüllung. 1,74 Euro für den Liter Premium-Diesel, mashallah.

Kleine Schweiz

Auf dem Weg nach Paraiso Suizo geht es vorbei an den armen und reichen Stadtvierteln von Montevideo, am architektonisch sensationellen Softitel, an unzähligen Kilometern Sandstrand mit Fussballfeldern und Football-Spielen, Tennis- und Golfplätzen. Sport spielt in Uruguay offensichtlich eine wichtige Rolle. Die Jogger entlang der Ramblas lassen sich kaum zählen. Nach über 70 Kilometern erreichen wir unser Ziel, ein Stück Schweiz in Uruguay. Zeit für uns, das Auto zu entstauben und reisefertig zu machen.

Mehr Bilder zu Montevideo gibt es im Bilderbuch Montevideo.

 

39 Tage an Bord – hallo Panamericana

Neununddreißig Tage. Irgendwann habe ich angefangen, die Minuten zu zählen. Wie in einem Film. Spaziergänge auf dem Deck, immer im Kreis, alleine, weit und breit kein Schiff, kein Wal, kein Land und auch kein Mensch. Wie die tägliche Stunde im Hof bei Einzelhaft. Gerade wenn das Schiff drei Tage vor Rio vor Anker liegt. Oder drei Tage vor Montevideo. Du weißt, Du kommst Deinem Ziel keine Seemeile näher.

Die Anfangseuphorie verfliegt in dem Moment, in dem Du erfährst, dass Du nicht wie geplant ankommst, sondern Tage um Tage später. Das Essen wird nicht besser, seit der Koch in Santos krank von Bord musste (war ihm das Essen zu eintönig?) und der ungelernte Messboy den Rührbesen übernimmt. Highlight unserer Reise ohne Zwischenstopps: Eine Stunde dümpeln auf offenem Meer, weil die Maschine den Dienst verweigert. Die Tage plätschern irgendwann nur noch so vor sich hin. Du kannst nichts tun, keine Lust mehr zum Lesen, kein Starbucks, um die Zeit zu vertrödeln … manchmal hat man das Gefühl, die Zeit vertrödelt uns. Tick. Tack. Schon wieder zwei Minuten rum.

Die Stimmung schlägt wieder ins Fröhliche um, als wir einen vermutlich festen Zeitplan für die letzten Tage an Bord bekommen. Ein Silberstreif am Horizont, Bewegung im Rio de la Plata. Samstag Abend verlassen wir die Ankerposition irgendwo östlich von Montevideo und fahren auf die Pilot-Position, wo wir unsere Lotsen am Sonntag früh um nullsiebenhundert aufgabeln. Dann geht es westlich in Richtung Buenos Aires. Zarate erreichen wir am Montag um nullzwohundert, Landgang durchaus möglich. Ein neuer (echter) Koch kommt an Bord. 48 Stunden später geht es auf die letzte Etappe in Richtung Montevideo, wieder ein Stück zurück. Freitag geht es von Bord. Endlich?

Zumindest in Teilen. Die Frachtschiffreise war schon ein besonderes Erlebnis! Zwischendrin dachten wir, es sei wirklich ein „once in a lifetime“-Ding. Nie wieder. Dabei war es doch auch irgendwie beeindruckend. Viele Dinge, die man „so alt“ zum ersten Mal erlebt. Kommt ja auch nicht alle Tage vor.

Kein Gefühl für Zeit. Immer wieder die Frage, welcher Tag heute ist. Ein ganzer Monat scheint verschwunden. Was ist meanwhile in der Welt passiert? Wichtiges oder doch nur der übliche, vollkommen belanglose Alltagstrott da draußen? Die Zeit, die manchmal nur so vor sich hinplätschert, verfliegt wie im Flug. Termine und Geburtstage gehen vorbei, ohne dass man gratulieren kann oder irgendetwas erfährt. Die Welt scheint manchmal ein ganz anderer Ort zu sein. Und das alles, während man die unzähligen unterschiedlichen Blautöne des Meeres zu dechiffrieren versucht.

Am Meer kann man sich nun gar nicht satt sehen. Dazu ein paar Wale, Delfine, unerwartete Landgänge in Afrika und Brasilien, viel zu Lachen, kein Telefonklingeln, ganz andere Perspektiven – vom Wasser aus und aus dreißig Metern Höhe. Entschleunigung pur und das Gefühl, endlich angekommen zu sein: Am Ende einer Reise und am Beginn eines großen Abenteuers.

Wer weiß, ob wir nochmal auf ein Frachtschiff gehen. Vielleicht nicht noch zehn weitere Male wie Teresa und Pierre. Vielleicht nicht auf der gleichen Strecken. Vielleicht auch ein oder zwei Wochen kürzer. Aber warum eigentlich nicht?

Auch auf anderen Meeren gibt es schöne Routen.

Hurtig, Mensch,
entscheide weise,
ob Dich ein Frachter führt
auf eine gänzlich and’re Reise!

Angekommen in Uruguay. Unsere Reise auf der Panamericana kann jetzt endlich starten. Wir freuen uns auf die Straße. Wir freuen uns, dass es jetzt so richtig richtig losgeht

Technik eines Frachtschiffes

Natürlich ist es Passagieren nicht erlaubt, den Maschinenraum zu betreten. Aber wahrscheinlich sagt er das alles Passagieren, die der First Engineer unter Deck begrüßt. Rauchen ist dort ja auch nicht erlaubt. Das steht zumindest auf dem Schild über dem vollen Aschenbecher.

Drei Stockwerke hoch ist die Maschine der Grande Angola, die Luftfilter sind mannshoch, die Kolben etwa zwei Meter fünfzig. Die Maschine ist so groß, dass der Engineer einmal im Monat rein spaziert und die Maschine von innen wartet. 24.000 PS hat das Aggregat, verbraucht rund 2 Tonnen Öl pro Stunde, der Turbolader wird über „irgendwelche Chemikalien“ gezündet. Insgesamt führt das Schiff 2.000 Tonnen Öl mit. Das Öl mit einem Schwefelgehalt von 2.5% kostet rund 500 – 700 Euro pro Tonne, darf aber nicht in Europa verwendet werden. Das in Europa zugelassene hat nur 0.1% Schwefel, kostet aber rund 1.000 Euro pro Tonne. Mitten auf dem Meer wird dann ein anderer Tank angezapft, damit es nicht so viel kostet, wenn man mit maximal 21 Knoten über die Ozeane schippert. Merkt doch keiner, wenn man auch in Europa den dreckigen Sprit verbraucht, könnte man meinen, der Ausstoß wird aber mittels Hubschrauber oder Drohe rgelmäßig von den Authorities geprüft. Kommt zuviel Abgas oben aus dem Schornstein raus, bereitet der Kapitän schon mal das Gepäck des First Engineer vor, sagt er.
Dass das verbrauchte Altöl ordentlich recyled wird, wird auch geprüft: Was ins Schiff eingefüllt wird, muss auch wieder in gleicher Menge entnommen werden. Zumindest in Europa ist das so. Selbiges gilt natürlich auch für den Müll: Immer schön mit in den Hafen nehmen, sagt der First Engineer, man kann ja nicht alles verklappen. Und sowieso nicht überall. Außer mal Essensreste oder Karton, im Atlantik, nicht in der Nordsee oder in der Nähe des Mittelmeeres. Aber keine anderen Sachen! Wenn überhaupt, dann wird in der eigenen Müllverbrennungsanlage verbrannt; aber die wird nicht so oft benutzt. Nach den Waschmaschinen haben wir ihn nicht gefragt, aber das ist eine andere Geschichte.

Sieben Mann arbeiten unten im Schiffsbauch, Maschinenbauer, Elektriker, Wiper (was auch immer das ist?). Nur nachts nicht, da gibt es weniger Besatzung im Maschinenraum, dafür ein Alarmsystem in den Crew-Kabinen und im Messroom. Wenn es bimmelt, sollte man den Alarm wohl nicht abschalten, nur weil es piepst, oder, Mike?

Über 18.000 kW Energie erzeugt die Maschine im laufenden Betrieb, was nicht nur für den im Durchmesser 4 Meter messenden Rotor am Heck und die 3 Seitenrotoren ausreicht. Rund 1.000 kW werden an Energie zurückgewonnen und reichen nicht nur für den gesamten Strom, der im Schiff benötigt wird, sondern auch für die Warmwasseraufbereitung und das Anheizen des Öls, das auf immerhin 130 Grad erwärmt wird, um es flüssiger zu machen. Steht das Schiff im Hafen, dann werden vier Dieselgeneratoren angeworfen, die anstelle des großen Aggregats für 1.000 kW Strom sorgen.

Duschwasser wird aus Meerwasser gewonnen, gekocht, entsalzt und ins Schiff gepumpt. Eigentlich könne man es auch trinken, sagt der First Engineer. Vielleicht nur nicht, wenn man in der Gegend von Freetown ist. Wer weiß, was da alles im Wasser schwimmt.

Bilderbuch Rio de Janeiro

„Ihr seid aus Kanada?“, fragte unser Taxifahrer mit dem schönen Namen Carlos Henrique da Silva de Paiva. „Nein, aus Deutschland …“. Schweigen.
„Oh, scheiße, 7:1“, und zeigte uns die Gänsehaut auf seinem Arm. Das WM-Halbfinale, das jetzt etwas mehr als zwei Jahre zurück liegt, hat Spuren hinterlassen. Aber seinem breiten Grinsen war zu entnehmen, dass es irgendwann wohl eine Revanche geben wird.
Unser Aufenthalt in Rio war kurz und knapp. Rund fünf Stunden nur lag die Grande Angola im Hafen, nachdem wir zuvor knapp drei Tage vor der Copacabana und Ipanema vor Anker lagen, mit Blick auf Zuckerhut und Christus-Statue, die live natürlich ganz anders wirken, als in den Fernsehbildern von Olympia und Fussball-WM.
Unser kurzer Aufenthalt reichte nur für einen Taxi-Trip an die Copacabana. Ein, zwei, drei Caipirinha und einen deftigen Sonnenbrand später ging es mit Carlos schon wieder zurück aufs Schiff. Hat sich aber gelohnt, schon allein deswegen, weil Rio nie und nimmer auf unserer angedachten Route lag.

Leben an Bord

Die Tage an Bord der Grande Angola vergehen unglaublich schnell. Obwohl ja irgendwie überhaupt nichts zu tun ist. Ein bisschen aufs Meer schauen, Frühstücken, ein Buch lesen, ein bisschen aufs Meer schauen, an Deck zwischen den Autos spazieren, aufs Meer schauen, ein bisschen im Buch lesen, ein vorbeiziehendes Schiff beobachten, Mittagessen, kickern, aufs Meer schauen, lesen, Wale suchen, Abendessen, aufs Meer schauen, der GADC-Sitzung (siehe unten) beiwohnen, Sterne beobachten, Gin trinken, ins Bett gehen.

So richtig viel ist nicht zu tun und die Tage gehen doch unendlich schnell vorbei. Kaum zu glauben, dass wir heute (26.09.) schon seit zwei Wochen an Bord sind. Schön, dass noch knapp drei Wochen vor uns liegen!

Essen an Bord

eBook Frachtschiff nach SüdamerikaMorgens Frühstück mit frisch gebackenem Focaccia. Dazu Kaffee, der jeden Tag Sodbrennen verursacht. Und Pflaumenmarmelade mit 40% Fruchtanteil …
Zu jedem Essen ein Getränk frei. Wasser, Limo, Cola oder Wein. Ein Fläschchen italienischer Landwein, 0,25 Liter. Das „Bavaria“-Bier aus der brasilianischen Dose kostet 1 Euro extra. Dafür ist es eiskalt. Die Flasche Johnny Walker Red Label 25 Euro. Micks Flasche ist nach zwei Tagen fast leer.
Mittags und Abends vier oder fünf Gänge. Nach einer Woche weiß man in etwa, was es gibt. Suppe oder Pasta, Fleisch oder Pasta, Fisch oder Fleisch, Donnerstags und Sonntags ein Eis oder Kuchen, danach Obst. Und einen Espresso oder Ristretto der eine Schande für seine italienische Herkunft ist. Aber man nimmt, was man bekommt.
Der Koch hat mittendrin gewechselt. Nicola, unser Bäcker (backen konnte er!) ist inzwischen daheim bei seiner Familie in Neapel und backt wohl kleinere Brötchen. Rocco, sein Nachfolger hat deutlich mehr Ambitionen, so rein küchentechnisch, aber auch er kann nur kochen, was seit Antwerpen an Bord gekommen ist. Nix mit einem feinen griechischen Bauernsalat oder Tomaten mit Zwiebeln, höchstens Eisbergsalat mit Essig und Öl. Keine Frittata mit frischem Gemüse, eher Omelette mit Käsefüllung. Okay, es ist nicht so schlecht, wie es sich gerade liest, ganz im Gegenteil. Eigentlich ist es ganz gut, aber nach zwei Wochen wiederholt sich halt doch alles irgendwie. Rocco gibt sich größte Mühe uns kulinarisch zu unterhalten.

Officers und Crew an Bord

Noch nie in meinem Leben habe ich Unterschiede der Herkunft wegen so deutlich gesehen. Die arbeitende Crew besteht ausschließlich aus Philippinos, die Offiziere sind allesamt Italiener. Einzige Ausnahmen: der Security Officer Michael und der Messman „Sonny Boy“. Aber der Zusatz sagt ja irgendwie auch schon alles. Alle sind sehr freundlich, hilfsbereit, wenn man sie anspricht, geradezu höflich. Aber der Unterschied zwischen Officers und Crew ist so breit wie ein Hafenbecken in Antwerpen. Die Crew lässt sich nie sehen, wenn überhaupt huschen sie auf dem Gang an Dir vorbei, wenn sie sich mal in den falschen Flügel verirrt haben. Sie werden sogar anders bekocht (die Passagiere und Officer bekamen bei Nicola mal das Fleisch, die Crew die Brühe …).

Der Kapitän Raffaele Minotauro erklärt mit sichtbarer Freude seine Brücke und mit einigem Überschwang auch gerne mal die Sternbilder – ohne dass ihn irgendjemand ob seiner überschaubaren Englischkenntnisse wirklich verstehen würde.

Man darf nicht vergessen, dass wir auf diesem Frachtschiff nur Mitreisende sind. Eigentlich sind wir nur Fracht. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass wir nur rudimentär mit Informationen versorgt werden. Alle müssen schliesslich arbeiten, Weit und breit kein Sascha Hehn, der den Damen an Bord schöne Augen macht, weil das seine einzige Beschäftigung an Bord des Traumsschiffs war. Bis er dann irgendwann Kapitän wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.
Dass die Uhrzeit umgestellt wird, erfahren wir manchmal nur nebenbei, wenn sich die Essenszeiten verschieben, bekommen wir das nur mit, weil sich niemand in der Offiziersmesse sehen lässt. Und wann und ob wir in Dakar an Land gehen können, erfahren wir auch nur rein zufällig, nachdem wir schon rund zwei Stunden im Hafen liegen.

Klo und so.

„schlurp“, wie im Flugzeug, macht es in aller Regelmäßigkeit nicht. Immer wieder stehen wir da und wissen nicht, wann und ob wir pinkeln können. Wenn ein zweiter Klobesuch nicht möglich ist, erfahren wir das durch die fehlende Spülung beim ersten Mal. Ein paar Stunden später funktioniert wieder alles. Bis zum nächsten Blackout. Und der kommt eben in aller Regelmäßigkeit. Ob das der Grund ist, warum unsere französische Mitreisende (Marie-Christine, 61) zwischen die Autos auf dem obersten Deck gepinkelt hat? Ja vielleicht, dann scheint aber auch deren Dusche nicht richtig zu funktionieren. Zumindest macht ihr Mann (Philippe, 63) uns olfaktorisch wenig Freude.

Menschen an Bord.

Über 30 Tage auf einem Frachtschiff und dann nur komische Leute. Das war unsere größte, eigentlich die einzige Befürchtung. Mit wenigen (französischen) Ausnahmen, ich erinnere mich dunkel an Ilse-Hasis Erzählungen aus Namur, haben wir nur gute, ach was, nur beste Erfahrungen gemacht. Ursi und Robert, die beiden Schweizer, die die nächsten fünf Jahre in Südamerika verbringen wollen, sind in wenigen Tagen von Fremden zu Freunden geworden – und das nicht nur wegen des GADC (siehe unten). Nach den ganzen Abschieden vor knapp drei Wochen kommt bald nochmal einer auf uns zu, der mir sicherlich auch nicht leicht fallen wird. Das sagt ja fast schon alles … Mike (50), das „Squirrel on speed“, ist der Klassenclown unserer Reisetruppe. Immer ein bisschen zu überschwänglich, der Humor very british, ein feiner und netter Kerl; beim Kickern aber hoffnungslos unterlegen. Mick (68), zum vierten Mal mit dem Motorrad auf dem Weg nach Patagonien, verliebt in Land und Leute, Veganer, Whiskey-Töter, still, aber immer mit einem freundlichen Wort unterwegs.
Nun ja, und unsere vier Franzosen halt. 34 Tage Sozialstudie. Mehr sog i ned!

Zoll an Bord.

Sowas kennt man ja als Schengen verwöhnter Möchtegern-Overlander überhaupt nicht mehr. Dass der britische Zoll bei uns in der Kabine stand – das war ja schon ein Erlebnis.

Wetter an Bord.

Rauer Wind, ein wenige Seegang, pralle Sonne. Aber alles in gemäßigten Temperaturen. Die ersten zwei Wochen konnten wir fast ausschließlich an Deck verbringen, mit SoSchuFa 50 und lustigen Hüten. Erst ab Mauretanien schlug das Wetter um (sich). Brutale Feuchtigkeit, gepaart mit heftigen Temperaturen. Gefühlte 50 Grad im Schatten der Brücke, bei 104% Luftfeuchtigkeit. Ein (schöner) Vorgeschmack auf die Karibik …

Tischtennis an Bord.

Extra Schläger gekauft, extra Bälle besorgt. Nicht nur wir, Mike vorsorglich auch. Und dann das: Keine Tischtennisplatte. Ehrlich, ich habe mich vorher sehr darauf gefreut, muss ja auch mal gesagt werden, wenn man sich ehrlich auf eine Tischtennisplatte freut, aber da ist keine, da war nur mal eine; davon übrig sind noch ein paar Schläger und hinreichend viele Bälle. Die liegen im Fitnessraum neben den Fahrrädern und Laufbändern, die alle irgendwie nicht funktionieren. Und wenn sie funktionieren, dann mehr schlecht als recht. Und in einem Fitnessraum ohne Fenster, da macht das Radeln auch nur rudimentär Spaß, wenn vorher Marie-Christine und Philippe auf dem Laufband waren.
Wenigstens gibt es einen Kickertisch, seit Antwerpen. Modell chinesisches Hinterland. Der ganze Tisch so leicht wie ein Bein des Kickertischs im alten Büro, obwohl neu, so baufällig und schief, als stünde er in Pisa. Und bald – ich befürchte es – will eh niemand mehr mit mir spielen. Ein Kickerspiel dauert 12 Minuten und am Ende gewinnt immer der Deutsche…

GDAC.

Der „Grande Angola Drinking Club“, gegründet am 15. September 2016, oder am 19. September, gegen 20.00 Uhr MESZ im Hafen von Antwerpen, oder in Tilbury, oder irgendwo dazwischen. So genau wissen wir das nicht mehr, weil Roberts Outlook den Geist aufgegeben hat. Also haben wir den Geist aus der Flasche beschworen.

Natürlich ist es streng verboten, über den GADC zu sprechen. Und was im GADC besprochen wird, bleibt natürlich auch im GADC. Der GADC ist ein exklusiver Club, vier Mitglieder, eine Leidenschaft. Den letzten Schluck Duke (Danke, Karin, was für eine tolle Erfahrung!) haben wir vor der Mauretanischen Küste geleert. Die Flasche wird als Flaschenpost irgendwo im Atlantik über Bord gehen. Natürlich darf ich das hier gar nicht erzählen. Deswegen zerstört sich dieser Blogbeitrag in fünf Sekunden von selbst. Peng!

Bilderbuch Freetown

Es gibt über Freetown gar nicht so viel zu sagen, weil wir aus Sicherheitsgründen nicht an Land gehen konnten. Es bleiben die Eindrücke dieser unendlichen Armut, der Menschen, die zusammen mit Schweinen am „Strand“ leben, von der dunkelsten Stadt, die wir je gesehen haben, weil es keinen Strom gibt oder die Menschen sich keinen Strom leisten können. Und viele, viele Bilder. Ein paar davon hier für Euch.

Bilderbuch Dakar

Unser Ausflug nach Dakar war dann doch viel kürzer als erwartet. Statt der eineinhalb Tage an Land, war es dann nur knapp ein Abend und zwei Stunden am nächsten Vormittag. Natürlich viel zu kurz, um eine Stadt kennenzulernen. Aber immerhin lang genug, um die Mischung aus Afrika und europäischem Einschlag einzuatmen. Highlight war unser Abendessen auf dem Dach des Hotels Fleurs de Lys, zusammen mit Ursi, Robert und Mike.
Dakar merkt man an, dass Paris-Dakar und die Handelsschiffe ihre Spuren hinterlassen haben. Glenmorangie kostet 48.000 CFA, 73 Euro pro Flasche, die „Guides“ am und im Hafen fragen freundlich nach Sonnenbrillen, Trinkflaschen oder auch ganz ungeniert nach 20 Euro. Davon kann man immerhin 50 Kilogramm Reis kaufen, einen ganzen Sack, wer weiß, wie lange eine Familie davon leben kann …
Überall stehen Sicherheitsleute, an jedem größeren Wohnhaus, vor der Zentralbank mit Maschinenpistole im Anschlag, vor jedem Geschäft. Auf dem Weg zum Abendessen müssen wir durch einen Metalldetektor in der Lobby des Hotels. Fotografieren ist oft verboten, vor allem den Präsidentenpalast darf man nicht abbilden (Foto siehe unten). Und statt Ampeln hat es Verkehrspolizisten, die mit ihrer Trillerpfeife den Verkehr regeln. Dabei gibt es da eigentlich gar nichts zu regeln. Die Beulen und Dellen in allen Autos sprechen für sich, das regelt sich von ganz allein. Trotzdem ist es vollkommen ungefährlich, über die sechsspurige Strasse am Place de L’Independence zu gehen. Keiner fährt dich über den Haufen; erst recht nicht die unzähligen Taxen, die mittels Hupe ihre Dienste anbieten. Als Tourist oder Nicht-Einheimischer bist du leicht zu erkennen. Also wirst du angehupt. Auf dem Hafengelände müssen wir Helme tragen. Nun denn. Wenn uns hier etwas auf den Kopf fällt, dann hilft der Helm auch nicht mehr.
Dakar, weit über dreißig Grad, Luftfeuchtigkeit wie im Hammam, wir nähern uns merklich dem Äquator und dem Grüngürtel Afrikas.

Tilbury, kurz vor London

Mittwoch, 14.09.2016, Tilbury. Rückblick. Das Schiff legt im Hafen an. Das ist schon eine Schau! Der Vorgang dauert mit dem Herablassen der Zugbrücke mehr als eine Stunde. Lord Blackfish hätte seine Brücke in Schnellwasser nicht zügiger senken können; andere Schiffe seien da viel langsamer, sagt der Koch, der heute mal die Brücke bedienen darf. Natürlich nur unter „Aufsicht“ des Chief Officers, der derweil ganz lässig in der Brüstung klemmt: Füße vorne durch, Arsch hinten durch und die Arme vorne wieder raus. Natürlich nicht ohne die obligatorische Zigarette im Mund.

Wir entschließen uns langsam ins Bett zu gehen, denn unsere Schicht in der Kombüse beginnt am nächsten Tag um fünf Uhr. „Anda notte won minute läiter“, sagt Nicola, der Koch. Also ab in die Kajüte, Füße auf den Tisch neben den Gin und dann in absehbarer Zeit ab ins Bett. Während ich schon ohne Beinkleid am Schreibtisch hänge und Hase sich die Hände für die morgige Küchenprozedur verschönert, klopft es an der Tür. Es ist neun Uhr Ortszeit. Oder zehn. So genau wissen wir nicht, wonach sich das Schiff richtet. Die für uns einzig relevante Uhr hängt in der Offiziersmesse. Und die ist auf einem anderen Deck.
Vor der Tür steht der Käpt’n, der 2nd Mate und ein anderer Herr. „The customs want to speak to you“, sagt der Käptn und wir bitten den Herrn von der „Black Gang“ zu einem kleinen Plausch hinein. Ausweise zeigen, Reiseführer erklären, Reiseroute besprechen. Aha, soso, so lange, irgendwelche festen Ziele? Reisen wir alleine oder kennen wir die Passagiere, die morgen noch an Bord kommen? Wirklich nicht? Keine Gruppe? Aha, soso. Schönen Abend noch und entschuldigen sie die Störung.

Dass der Zoll irgendwann überraschend auftauchen kann, dass hatte Roberto bereits angekündigt. Aber das war dann doch sehr plötzlich. Immerhin war er, der Zollmensch, so nett und hat gewartet, bis ich wieder eine Hose anhatte.

Halb zehn. Oder so. Time for bed now. Sachte, sachte, denn es klopft schon wieder an der Tür. Der Lademeister fragt, ob ich nicht mal schnell das auto „umshiften“ könnte. Tausend Fragezeichen. Nunja, sie müssen noch ein bisschen umladen heute Nacht ab eins und der Defender steht im Weg. Also mal schnell mit dem Aufzug unter Deck gespurtet und den Defender an Land gefahren. Was beim ersten mal noch für ein wenig Aufregung sorgte, ist jetzt schon fast Routine. Mit allen Lampen an durch das Dunkle der Grande Angola, über die Zugbrücke aufs Festland. Siehe da, der Landrover berührt wieder Mutterboden. Als hätte ich nie etwas anderes getan … Das scheint der Lademeister auch so zu sehen. Statt unter ständiger Security-Begleitung dürfen Robert und ich jetzt schon alleine Aufzug fahren und zu Fuß im Hafengelände unterwegs sein. Vielleicht sind um diese Zeit aber auch alle einfach ein bisschen faul und achten nicht so sehr darauf, was passiert. Freundlicherweise spielt der Hafenmeister dann kurz Taxi und erklärt, dass wir gar nicht morgen auslaufen. Und übermorgen auch nicht, also nicht wirklich. Dann wechseln wir nur das Pier im gleichen Hafen. Weite

Security-Einweisung

Mittwoch, 14.09.2016, Tilbury. „Die Sicherheitseinweisung für Passagiere muss innerhalb von 24 Stunden nach Betreten des Schiffes erfolgen“, sagt der 2nd Mate während seines Vortrags am zweiten Tag. „ich habe sie dann gestern halt nicht gesehen, Sirs and Madams“.

Michael Suarez ist nicht nur für die Sicherheit der Mannschaft an Bord zuständig, sondern auch für die Passagiere. On behalf of the Chief Officer erklärt er uns, wie Schwimmwesten anzuwenden sind und wie wir evakuiert werden, wenn wir so krank sind, dass wir nicht auf der Krankenstation fernoperiert werden können. Entweder ändert das Schiff dann die Route oder ein Hubschrauber kommt und zieht und mit der Seilwinde von Bord. Das sei aber noch nicht vorgekommen, sagt er, solange er hier an Bord ist.

Fallen wir vom Schiff, er verspricht uns, dass die Grande Angola eine Kurve fährt und uns wieder aufsammelt. Wir müssten halt nur ein paar Minuten schwimmen, fünf vielleicht. Oder auch zehn. Nun, so genau kann er das nicht sagen. Es hängt ein bisschen von den Umständen ab. Vielleicht auch mehr als zehn. Aber das sei noch nicht vorgekommen, solange er hier an Bord ist.

Als ich frage, wie schnell das Schiff denn sinke, muss Michael erst mal tief Luft holen. Zehn Minuten vielleicht. Das Fragezeichen hinter dieser Aussage lässt sich förmlich mit der Hand fangen. Der Chief Officer lehnt mit verschränkten Armen am Türrahmen und runzelt so vielfältig seine Stirn, dass ich für einen Moment nicht weiß, ob es nicht doch nur zwei Minuten sind oder so lange wie Leonardo und Kate Zeit für ihre hinreissende Verabschiedung hatten. Acht Stunden, meint der Chief, bis es ganz weg ist. Vielleicht aber auch ein bisschen schneller. Das hänge von den Umständen ab. Michael ist anzusehen, dass das auch noch nicht passiert ist, seit er an Bord ist.

Wenn einer der zwei unterschiedlichen Alarme ertönt, dann hat uns das „Sonny-Boy“ entweder vorher schon mitgeteilt, weil es eine Übung ist; oder es ist ein Notfall. Das sei aber noch nicht vorgekommen, seit er an Bord ist. Außer vielleicht, wenn jemand von der philippinschen Crew mit der Zigarette im Bett eingeschlafen ist.
An der Rettungsübung, Drill, müssen wir nicht teilnehmen. Das macht allein die Crew. Wir können dann zusehen, fotografieren und das Leben genießen. Klingt fast so, als müssten die Offiziere auch nicht daran teilnehmen.
Robert ist aber ganz erpicht darauf, das Rettungsboot von innen zu sehen und auszuprobieren. Michael ist ein wenig verwundert, aber er fragt den Master, ob das möglich sei. Ich sehe uns alle schon notwassern.

So wie es aussieht, können wir in allen Häfen an Land gehen. Securitylevel 1 (Passkontrolle) gilt für alle Häfen, die wir anlaufen. Securitylevel 2 (Taschenkontrolle, genauer hinschauen) wird es wohl nicht geben. Und Level 3, akute Anschlagsgefahr, davon ist momentan nicht auszugehen. Schön, dass wir zum Beispiel in Dakar und Rio an Land gehen können. Was auch immer wir dann dort tun. Ein Shuttle wird uns wohl vom Kai zum Terminal bringen. Aber dann? Dann müssten wir uns selbst kümmern. Wir werden sehen. Vielleicht in Zarate, wo wir voraussichtlich drei oder vier Tage vor Anker liegen werden.

Welche Decks wir betreten dürfen, erklärt Michael uns, wo wir die Waschmaschine finden und wann wir auf die Brücke dürfen. Eigentlich haben wir das alles schon selbst ausbaldowert. Aber es macht Spaß, dem 2nd Mate bei seiner Sicherheitseinweisung zuzuhören. Und er hat sichtlich Spaß daran, uns zu unterrichten; scheinbar ein bisschen Abwechslung für ihn.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich jetzt sicherer fühle. Wenn wir Untergangsangst hätten, wären wir wohl gar nicht erst hier. Unsere Rettungswesten, -anzüge und Helme haben wir schon selbst gefunden, weil sie nachts bei Seegang im Schrank klappern, die Notfallmarkierung entspricht internationalem Standard (wenn auch die Stewardess fehlt, die während der Erläuterung faxen machen) und das Rettungsboot musste schließlich auch noch nie ernsthaft zu Wasser gelassen werden, beteuert Michael. Zumindest nicht, seit er an Bord ist. Und das sind immerhin schon vier Monate …

Die ersten Stunden auf See

Mittwoch, 14.09.2016. Dieses Once in a lifetime-Ding. Das erst mal auf einem Frachtschiff. So eine gewisse Vorstellung hat man ja. Es ist wie ein schwimmendes Parkhaus, enge Flure und dauernd schwankt es, sodass man sich rechts festhalten muss und trotzdem links gegen die Schranktür knallt.

Nicht ganz, aber auch nicht ganz so falsch. Zur Hälfte ist das Schiff tatsächlich ein schwimmendes Parkhaus. Elf Decks mit Autos, Bussen, Baumaschinen, Lastwagen und anderen Ungetümen. Auf dem Parkhaus-Dach stehen nochmal jede Menge Karossen, teils gefüllt mit Matratzen oder mit offenen Fenstern; festgezurrt an im Boden eingelassenen Ösen, die Karossen hier oben schon ein bisschen angerostet. Seewasser und Salz sollten ihnen nun auch nichts mehr anhaben. Zumindest nicht soviel, dass es zum Fahren in Afrika nicht mehr taugt. Überall laufen Philippinos in blauen Overalls und mit Helm herum. „Hello, Sir!“. Neongelbe Warnweste, weißer Helm.

 

Unter Deck, auf den Parkdecks, ist es warm und heiß und schmutzig. Ein bisschen wie man das aus Filmen kennt. Manchmal ist es so eng wie im „Boot“, nur das aus dem Off niemand Wasser im Torpedoraum beschreit. Heiß und stickig. Herbert Grönemeyer war immer ähnlich verschwitzt wie wir, wenn wir auf dem Parkdeck waren.

Der vordere Teil der Grande Angola besteht aus Containern. Vielen Container. Und noch mehr Containern. Über 1.000 sollen hier stehen, wenn sie voll beladen ist. Kaum nachzählbar. Aber den ersten Tag, den wir noch ruhend im Hamburger Hafen verbracht haben, konnten wir den ganzen Tag mit Containerwatching verbringen. Oder dabei zusehen, wie ein Auto nach dem anderen im Bauch der Grande Angola verwindet. Klapperkiste, neuer Audi, Bagger, neuer Porsche, Reisebus. Große Faszination, weil man so etwas ja doch nicht alle Tage sieht.

Irgendwann darf auch der Defender an Bord. Rückwärts über die Rampe, tief nach unten. Und es ist so unendlich warm dort. Die knapp 30 Grad im Hamburger Hafen sind eine Sache, die Hitze auf den Parkdecks eine andere. Kein Wunder, dass auf dem Schiff, in den Mannschaftsquartieren den ganzen Tag die Klimaanlage auf Anschlag läuft. Nicht auszudenken, wie warm es dort unten in Äquatornähe wird.

Während wir dann irgendwann am Dienstag Nachmittag aus dem Hamburger Hafen auslaufen, strahlt die Sonne aus vollen Rohren. Bestes Wetter, die leichte Brise der 14 Knoten um die Nase und Hamburg mal von der anderen Seite. Vorbei an der Elbphilharmonie, die immer noch nicht richtig fertig aussieht, an den Landungsbrücken und den Protzbauten von Blankenese. Am „Welcome-Point“ verabschiedet uns ein Lautsprecher mit der italienischen Nationalhymne. Und in die Abendstunden geht es dann hinaus in Richtung Nordsee. Als wir Cuxhaven passieren ist es schon zappen duster.

Die Nacht ist ruhig wie die See. Nichts schwankt. Weder seitwärts, noch in Längsrichtung. Nur das vibrieren der Dieselmotoren überträgt sich auf das Bett unserer Kajüte. Dank Upgrade haben wir es dort relativ komfortabel. Die Owners-Cabin verfügt wie jede der anderen Kabinen über ein eigenes Bad mit Dusche und WC. Den Unterschied macht aber das Doppelbett und der zusätzliche Raum aus. Unsere Kabine ist vergleichbar mit einer kleinen Einzimmer-Wohnung. Wir können uns ganz gemütlich auf vielleicht 20 Quadratmetern ausbreiten. Es geht natürlich auch deutlich weniger komfortabel. Unsere Mitreisenden teilen sich eine Innenkabine mit Stockbett; und das auch noch ohne Fenster. Kein Blick aufs Wasser. Keine Ahnung, ob Tag oder Nacht, ob Sonne oder Regen. Fenster sind schon etwas großartiges. Ich möchte nicht in Isolationshaft sein.

So ruhig wie die See in der Nacht war, genauso zeigt sie sich auch am folgenden Tag. Ein bisschen mehr Wind, der die Offshore-Windparks antreibt, die an uns vorbei wehen, ein bisschen mehr Sonne, als in Hamburg, aber keine einzige Welle. Das Meer mal tiefblau, mal grün, kräuselt sich kein bisschen an der Oberfläche. Mit Ausnahme eines einsamen Schweinswals zeigt sich auch kein Meeresgetier.

So trostlos und langweilig das klingt: Es ist phantastisch! Mit Ausnahme der Motoren gibt es kein einziges Geräusch. Und abgesehen vom ein oder anderen Supertanker am Horizont stört nichts die unendliche Weite des Meeres. Soweit das Deck reicht, drehen wir unsere Runden, ich schmökere im „Zombie Survial Guide“ und Michaela ist in den Reiseführer für Uruquay vertieft. Und genau so dümpelt der Tag vor sich hin. Wie könnte man besser entschleunigen?

Rund 28 Stunden, nachdem wir den Hamburger Hafen verlassen haben, erreichen wir Tilbury, rund eine Zugstunde östlich von London an der Themse gelegen. Ein Hafensonnenuntergang, wie ihn Bob Ross nicht besser hätte malen können. Das ganze Nichtstun des Tages macht müde. Und eigentlich wäre es jetzt Zeit für die Koje. Wenn da nicht der Zoll und der Lademeister wären. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ship, ship, hooray!

Montag früh um zehn. Montag Nachmittag um vier. Dienstag um acht. Es war schon ein ewiges hin und her, wann wir denn nun wirklich aufs Schiff könnten. Zusammen mit Ursi und Robert, unsere beiden Mitreisenden aus der Schweiz, hatten wir uns schon auf eine weitere Nacht am O’swaldkai eingestellt. Der nette Mann von der Security versorgte uns mit letzten Infos, mit Zetteln vom Pizza-Service und einem Gute Nacht-Gruß. Die Leute halten uns für bekloppt, die Polizei fragt, was hier hier tun und die Brummifahrer prosten uns im vorbeifahren zu.

Und während wir da so saßen in unserem provisorischen Wohnzimmer zwischen Containern und unzähligen neongelben Krankenwagen auf dem Weg nach Ägypten, da kam Herr Schneider angeschossen und brachte uns, statt Thunfischsalat und Pizza die erfreuliche Nachricht, dass wir uns gegen 21.00 Uhr doch nochmal bei der Security melden könnten. Vielleicht könnten wir doch noch des Nachts auf die Grande Angola.

Die Grande Angola

Viertel vor neun. Ein kurzer Blick in die Pässe, ein Ausdruck und die Anweisung, mittels des Barcode-Zettels durch die Schranke zu fahren und dann den Anweisungen der Eskorte zu folgen. Und von da an ging alles rasend schnell. Mit Warnblinkern und 30 km/h durch unzählige Container, Schrottkarren und niegelnagelneuen besternten Cabrios hindurch führte und das Pacecar zur Grande Angola. Unsere Security-Eskorte deutete uns einen Parkplatz und ward verschwunden.

Da standen wir also. Vor uns dieses Trumm von schwimmendem Parkhaus. Weiß, orange angestrahlt und vom Rauch der Dieselmotoren umhüllt. Und wir so klein daneben. Vielleicht ein bisschen hilflos, in jedem Fall aber ziemlich ratlos. An uns vorbei rauschen nicht mehr ganz TÜV-gerechte Karossen, manchmal mit laufendem Motor, manchmal werden sie auch eher unsanft von einem mit Altreifen ummantelten Schubser-Auto in das schwimmende Parkhaus getrieben. Roberto erbarmte sich dann unser und stellte sich als Crewmitglied vor.

Boarding

Wir können nun an Bord, sagt er und ist wenig begeistert über unsere drei Zarges-Boxen, die mit wollen. Wobei sich seine offensichtliche Nicht-Begeisterung wirklich in Grenzen hält. Er, wie alle anderen Crew-Member, die wir an diesem Abend noch kennenlernen, sind ausgesprochen nett und fast schon übertrieben höflich.

Warnweste anziehen, Pässe vorzeigen und ab in den Aufzug. Der misst gerade einmal 80 mal 80 Zentimeter. Zu klein für uns und das Gepäck. Also fahren wir in drei Schichten nach oben.

Sonny, unser Steward, zeigt uns die Kabine, nimmt uns Reise- und Impfpässe ab und ist wieder verschwunden. Klopft später wieder unter vielen Entschuldigungen an und sagt uns noch, wann es Frühstück gibt und das wir ihn jederzeit in Anspruch nehmen können. Außer heute Abend. Und morgen auch nicht, da muss er nämlich noch persönliche Dinge erledigen. Aber sonst immer. Aber nur bis Antwerpen, weil da geht er von Bord.

Was für ein Wahnsinn: Wir sind auf dem Schiff.

Wahnsinn. Wir stehen auf einem riesigen Frachter. Über 3.000 Autos, rund 1.350 Container sind mit uns an Bord (wenn das Schiff voll ist). Unsere Kabine befindet sich in der zwölften Etage. Das Schiff ist so hoch wie ein Hochhaus. 210 Meter lang, 32 Meter breit. Soweit das Auge reicht sind Waren für die halbe Welt mit uns auf der Grande Angola. Und wir mitten drin. Ich bin total geflasht. Wie häufig erlebt man – wenn man langsam älter wird – schon etwas absolut und total neues? Viel zu selten. Und wie oft macht man so ein once in a lifetime-Ding?

Das Nass der Dusche ist nach den staubigen Tagen auf dem Wohnmobilhafen in Hamburg ein echter Genuss. Und der kleine Schluck Duke an Deck mit einem irren Blick über den Hamburger Hafen nicht minder. Der Tag mit seinem ewigen hin und her hat uns echt geschlaucht. Und die Nacht an Bord der Grande Angola, noch mitten im Hafen war wirklich seelig.

„Good morning, Sir! – Goog morning, Mam!“, begrüßt uns heute früh eines der Crewmitglieder im Flur. Wieder so freundlich. Nach der Nacht ist klar: Ja, wir sind hier. Ja, jetzt geht es richtig los. Die Grande Angola läuft am Nachmittag aus. Vorher haben wir hoffentlich noch die Gelegenheit, den Defender an Bord zu holen. Und dann geht es mitten durch den Hamburger Hafen die Elbe entlang in Richtung Nordsee.

Wir freuen uns auf die kommenden Wochen auf See. Auch – oder gerade – ohne Internet. Mit etwas Glück melden wir uns nochmal aus London oder Antwerpen. Danach ist aber wirklich Schluss.

Ship, ship, hooray!

Durchgeimpft und angefixt

Während wir hier in Hamburg sitzen und jetzt ein bisschen hibbelig auf unser Schiff warten (keine drei Tage mehr), sind noch ein Artikel und ein Interview mit uns erschienen.

Bei Matsch&Piste, dem Magazin für Reise- und Offroad-Freunde, ist heute ein Interview mit uns erschienen. Das haben wir mit der M&P-Cheffin Nik schon vor ein paar Wochen aufgenommen. Lustig zu lesen, was wir ihr alles erzählt haben. Da ist wohl irgendwann auch der jetzige Titel des Interviews gefallen: „Mir strotzt die Vorfreude aus allen Poren!“ Das Interview ist ein bisschen länger, aber wir erzählen auch viel über die Vorbereitung.

In der aktuellen Ausgabe des Aachener Stadtmagazins Klenkes ist auch ein Artikel über uns erschienen. Der Titel „Durchgeimpft und angefixt“ trifft es ziemlich gut. Passender Weise haben wir mit Kira vom Klenkes damals im Cafe Hase in Aachen gesessen und uns interviewen lassen. Wer uns begegnet, kann uns auch als „Hase“ ansprechen. Wir drehen uns dann sicherlich beide um :-)

Wenn ihr Lust habt, dann lest doch mal rein!

Waiting to be shipped

Montag, 12.09., zehn Uhr am Terminal. Dann zum Schuppen No. 48. Und um elf Uhr sind wir auf dem Frachter. So hat uns Herr Schneider, der Schiffsagent, unsere Reisepläne diktiert.  Weiterlesen

Werkstattbesuch

An den Defender lassen wir nur drei Dinge: die Hände von Dietmar, die Hände von Ingo und WD40. „Die Hände von Ingo“ muss ich insoweit relativieren, als dass auch die Hände seiner Jungs einbezogen sind. Und genau dort – bei seinen Jungs – waren wir am Montag. In der Landygarage Lubert (soviel Werbung muss sein) gab es den letzten Check vor der Reise.

„Von mir aus kannst Du fahren“, war Ingos abschließendes Fazit, nachdem Dirk mit mir nochmal die wichtigsten Teile durchgegangen ist. Nicht, dass ich plane, gebrochene Achsen zu tauschen, wie wir es beim Technik-Workshop im März gelernt haben. Oder besser: gelernt hätten haben sollen. Das kann sich letztlich sowieso niemand merken und, was hilft uns das Steckachsen-Wechsel-Know-How, wenn wir keine Ersatzachse dabei haben.

Luftfilter, Kraftstofffilter & Co., also das übliche Servicematerial haben wir aber dabei und deswegen war es nochmal gut, zu sehen (und zu üben), wie man Getriebeöl prüft und wieviel Spiel die Gelenke haben dürfen. Hat sich gelohnt. Im wahrsten Sinne habe ich wieder mal viel bei Ingo mitgenommen: Ersatzteile :-)