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Technik eines Frachtschiffes

Natürlich ist es Passagieren nicht erlaubt, den Maschinenraum zu betreten. Aber wahrscheinlich sagt er das alles Passagieren, die der First Engineer unter Deck begrüßt. Rauchen ist dort ja auch nicht erlaubt. Das steht zumindest auf dem Schild über dem vollen Aschenbecher.

Drei Stockwerke hoch ist die Maschine der Grande Angola, die Luftfilter sind mannshoch, die Kolben etwa zwei Meter fünfzig. Die Maschine ist so groß, dass der Engineer einmal im Monat rein spaziert und die Maschine von innen wartet. 24.000 PS hat das Aggregat, verbraucht rund 2 Tonnen Öl pro Stunde, der Turbolader wird über „irgendwelche Chemikalien“ gezündet. Insgesamt führt das Schiff 2.000 Tonnen Öl mit. Das Öl mit einem Schwefelgehalt von 2.5% kostet rund 500 – 700 Euro pro Tonne, darf aber nicht in Europa verwendet werden. Das in Europa zugelassene hat nur 0.1% Schwefel, kostet aber rund 1.000 Euro pro Tonne. Mitten auf dem Meer wird dann ein anderer Tank angezapft, damit es nicht so viel kostet, wenn man mit maximal 21 Knoten über die Ozeane schippert. Merkt doch keiner, wenn man auch in Europa den dreckigen Sprit verbraucht, könnte man meinen, der Ausstoß wird aber mittels Hubschrauber oder Drohe rgelmäßig von den Authorities geprüft. Kommt zuviel Abgas oben aus dem Schornstein raus, bereitet der Kapitän schon mal das Gepäck des First Engineer vor, sagt er.
Dass das verbrauchte Altöl ordentlich recyled wird, wird auch geprüft: Was ins Schiff eingefüllt wird, muss auch wieder in gleicher Menge entnommen werden. Zumindest in Europa ist das so. Selbiges gilt natürlich auch für den Müll: Immer schön mit in den Hafen nehmen, sagt der First Engineer, man kann ja nicht alles verklappen. Und sowieso nicht überall. Außer mal Essensreste oder Karton, im Atlantik, nicht in der Nordsee oder in der Nähe des Mittelmeeres. Aber keine anderen Sachen! Wenn überhaupt, dann wird in der eigenen Müllverbrennungsanlage verbrannt; aber die wird nicht so oft benutzt. Nach den Waschmaschinen haben wir ihn nicht gefragt, aber das ist eine andere Geschichte.

Sieben Mann arbeiten unten im Schiffsbauch, Maschinenbauer, Elektriker, Wiper (was auch immer das ist?). Nur nachts nicht, da gibt es weniger Besatzung im Maschinenraum, dafür ein Alarmsystem in den Crew-Kabinen und im Messroom. Wenn es bimmelt, sollte man den Alarm wohl nicht abschalten, nur weil es piepst, oder, Mike?

Über 18.000 kW Energie erzeugt die Maschine im laufenden Betrieb, was nicht nur für den im Durchmesser 4 Meter messenden Rotor am Heck und die 3 Seitenrotoren ausreicht. Rund 1.000 kW werden an Energie zurückgewonnen und reichen nicht nur für den gesamten Strom, der im Schiff benötigt wird, sondern auch für die Warmwasseraufbereitung und das Anheizen des Öls, das auf immerhin 130 Grad erwärmt wird, um es flüssiger zu machen. Steht das Schiff im Hafen, dann werden vier Dieselgeneratoren angeworfen, die anstelle des großen Aggregats für 1.000 kW Strom sorgen.

Duschwasser wird aus Meerwasser gewonnen, gekocht, entsalzt und ins Schiff gepumpt. Eigentlich könne man es auch trinken, sagt der First Engineer. Vielleicht nur nicht, wenn man in der Gegend von Freetown ist. Wer weiß, was da alles im Wasser schwimmt.

Leben an Bord

Die Tage an Bord der Grande Angola vergehen unglaublich schnell. Obwohl ja irgendwie überhaupt nichts zu tun ist. Ein bisschen aufs Meer schauen, Frühstücken, ein Buch lesen, ein bisschen aufs Meer schauen, an Deck zwischen den Autos spazieren, aufs Meer schauen, ein bisschen im Buch lesen, ein vorbeiziehendes Schiff beobachten, Mittagessen, kickern, aufs Meer schauen, lesen, Wale suchen, Abendessen, aufs Meer schauen, der GADC-Sitzung (siehe unten) beiwohnen, Sterne beobachten, Gin trinken, ins Bett gehen.

So richtig viel ist nicht zu tun und die Tage gehen doch unendlich schnell vorbei. Kaum zu glauben, dass wir heute (26.09.) schon seit zwei Wochen an Bord sind. Schön, dass noch knapp drei Wochen vor uns liegen!

Essen an Bord

eBook Frachtschiff nach SüdamerikaMorgens Frühstück mit frisch gebackenem Focaccia. Dazu Kaffee, der jeden Tag Sodbrennen verursacht. Und Pflaumenmarmelade mit 40% Fruchtanteil …
Zu jedem Essen ein Getränk frei. Wasser, Limo, Cola oder Wein. Ein Fläschchen italienischer Landwein, 0,25 Liter. Das „Bavaria“-Bier aus der brasilianischen Dose kostet 1 Euro extra. Dafür ist es eiskalt. Die Flasche Johnny Walker Red Label 25 Euro. Micks Flasche ist nach zwei Tagen fast leer.
Mittags und Abends vier oder fünf Gänge. Nach einer Woche weiß man in etwa, was es gibt. Suppe oder Pasta, Fleisch oder Pasta, Fisch oder Fleisch, Donnerstags und Sonntags ein Eis oder Kuchen, danach Obst. Und einen Espresso oder Ristretto der eine Schande für seine italienische Herkunft ist. Aber man nimmt, was man bekommt.
Der Koch hat mittendrin gewechselt. Nicola, unser Bäcker (backen konnte er!) ist inzwischen daheim bei seiner Familie in Neapel und backt wohl kleinere Brötchen. Rocco, sein Nachfolger hat deutlich mehr Ambitionen, so rein küchentechnisch, aber auch er kann nur kochen, was seit Antwerpen an Bord gekommen ist. Nix mit einem feinen griechischen Bauernsalat oder Tomaten mit Zwiebeln, höchstens Eisbergsalat mit Essig und Öl. Keine Frittata mit frischem Gemüse, eher Omelette mit Käsefüllung. Okay, es ist nicht so schlecht, wie es sich gerade liest, ganz im Gegenteil. Eigentlich ist es ganz gut, aber nach zwei Wochen wiederholt sich halt doch alles irgendwie. Rocco gibt sich größte Mühe uns kulinarisch zu unterhalten.

Officers und Crew an Bord

Noch nie in meinem Leben habe ich Unterschiede der Herkunft wegen so deutlich gesehen. Die arbeitende Crew besteht ausschließlich aus Philippinos, die Offiziere sind allesamt Italiener. Einzige Ausnahmen: der Security Officer Michael und der Messman „Sonny Boy“. Aber der Zusatz sagt ja irgendwie auch schon alles. Alle sind sehr freundlich, hilfsbereit, wenn man sie anspricht, geradezu höflich. Aber der Unterschied zwischen Officers und Crew ist so breit wie ein Hafenbecken in Antwerpen. Die Crew lässt sich nie sehen, wenn überhaupt huschen sie auf dem Gang an Dir vorbei, wenn sie sich mal in den falschen Flügel verirrt haben. Sie werden sogar anders bekocht (die Passagiere und Officer bekamen bei Nicola mal das Fleisch, die Crew die Brühe …).

Der Kapitän Raffaele Minotauro erklärt mit sichtbarer Freude seine Brücke und mit einigem Überschwang auch gerne mal die Sternbilder – ohne dass ihn irgendjemand ob seiner überschaubaren Englischkenntnisse wirklich verstehen würde.

Man darf nicht vergessen, dass wir auf diesem Frachtschiff nur Mitreisende sind. Eigentlich sind wir nur Fracht. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass wir nur rudimentär mit Informationen versorgt werden. Alle müssen schliesslich arbeiten, Weit und breit kein Sascha Hehn, der den Damen an Bord schöne Augen macht, weil das seine einzige Beschäftigung an Bord des Traumsschiffs war. Bis er dann irgendwann Kapitän wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.
Dass die Uhrzeit umgestellt wird, erfahren wir manchmal nur nebenbei, wenn sich die Essenszeiten verschieben, bekommen wir das nur mit, weil sich niemand in der Offiziersmesse sehen lässt. Und wann und ob wir in Dakar an Land gehen können, erfahren wir auch nur rein zufällig, nachdem wir schon rund zwei Stunden im Hafen liegen.

Klo und so.

„schlurp“, wie im Flugzeug, macht es in aller Regelmäßigkeit nicht. Immer wieder stehen wir da und wissen nicht, wann und ob wir pinkeln können. Wenn ein zweiter Klobesuch nicht möglich ist, erfahren wir das durch die fehlende Spülung beim ersten Mal. Ein paar Stunden später funktioniert wieder alles. Bis zum nächsten Blackout. Und der kommt eben in aller Regelmäßigkeit. Ob das der Grund ist, warum unsere französische Mitreisende (Marie-Christine, 61) zwischen die Autos auf dem obersten Deck gepinkelt hat? Ja vielleicht, dann scheint aber auch deren Dusche nicht richtig zu funktionieren. Zumindest macht ihr Mann (Philippe, 63) uns olfaktorisch wenig Freude.

Menschen an Bord.

Über 30 Tage auf einem Frachtschiff und dann nur komische Leute. Das war unsere größte, eigentlich die einzige Befürchtung. Mit wenigen (französischen) Ausnahmen, ich erinnere mich dunkel an Ilse-Hasis Erzählungen aus Namur, haben wir nur gute, ach was, nur beste Erfahrungen gemacht. Ursi und Robert, die beiden Schweizer, die die nächsten fünf Jahre in Südamerika verbringen wollen, sind in wenigen Tagen von Fremden zu Freunden geworden – und das nicht nur wegen des GADC (siehe unten). Nach den ganzen Abschieden vor knapp drei Wochen kommt bald nochmal einer auf uns zu, der mir sicherlich auch nicht leicht fallen wird. Das sagt ja fast schon alles … Mike (50), das „Squirrel on speed“, ist der Klassenclown unserer Reisetruppe. Immer ein bisschen zu überschwänglich, der Humor very british, ein feiner und netter Kerl; beim Kickern aber hoffnungslos unterlegen. Mick (68), zum vierten Mal mit dem Motorrad auf dem Weg nach Patagonien, verliebt in Land und Leute, Veganer, Whiskey-Töter, still, aber immer mit einem freundlichen Wort unterwegs.
Nun ja, und unsere vier Franzosen halt. 34 Tage Sozialstudie. Mehr sog i ned!

Zoll an Bord.

Sowas kennt man ja als Schengen verwöhnter Möchtegern-Overlander überhaupt nicht mehr. Dass der britische Zoll bei uns in der Kabine stand – das war ja schon ein Erlebnis.

Wetter an Bord.

Rauer Wind, ein wenige Seegang, pralle Sonne. Aber alles in gemäßigten Temperaturen. Die ersten zwei Wochen konnten wir fast ausschließlich an Deck verbringen, mit SoSchuFa 50 und lustigen Hüten. Erst ab Mauretanien schlug das Wetter um (sich). Brutale Feuchtigkeit, gepaart mit heftigen Temperaturen. Gefühlte 50 Grad im Schatten der Brücke, bei 104% Luftfeuchtigkeit. Ein (schöner) Vorgeschmack auf die Karibik …

Tischtennis an Bord.

Extra Schläger gekauft, extra Bälle besorgt. Nicht nur wir, Mike vorsorglich auch. Und dann das: Keine Tischtennisplatte. Ehrlich, ich habe mich vorher sehr darauf gefreut, muss ja auch mal gesagt werden, wenn man sich ehrlich auf eine Tischtennisplatte freut, aber da ist keine, da war nur mal eine; davon übrig sind noch ein paar Schläger und hinreichend viele Bälle. Die liegen im Fitnessraum neben den Fahrrädern und Laufbändern, die alle irgendwie nicht funktionieren. Und wenn sie funktionieren, dann mehr schlecht als recht. Und in einem Fitnessraum ohne Fenster, da macht das Radeln auch nur rudimentär Spaß, wenn vorher Marie-Christine und Philippe auf dem Laufband waren.
Wenigstens gibt es einen Kickertisch, seit Antwerpen. Modell chinesisches Hinterland. Der ganze Tisch so leicht wie ein Bein des Kickertischs im alten Büro, obwohl neu, so baufällig und schief, als stünde er in Pisa. Und bald – ich befürchte es – will eh niemand mehr mit mir spielen. Ein Kickerspiel dauert 12 Minuten und am Ende gewinnt immer der Deutsche…

GDAC.

Der „Grande Angola Drinking Club“, gegründet am 15. September 2016, oder am 19. September, gegen 20.00 Uhr MESZ im Hafen von Antwerpen, oder in Tilbury, oder irgendwo dazwischen. So genau wissen wir das nicht mehr, weil Roberts Outlook den Geist aufgegeben hat. Also haben wir den Geist aus der Flasche beschworen.

Natürlich ist es streng verboten, über den GADC zu sprechen. Und was im GADC besprochen wird, bleibt natürlich auch im GADC. Der GADC ist ein exklusiver Club, vier Mitglieder, eine Leidenschaft. Den letzten Schluck Duke (Danke, Karin, was für eine tolle Erfahrung!) haben wir vor der Mauretanischen Küste geleert. Die Flasche wird als Flaschenpost irgendwo im Atlantik über Bord gehen. Natürlich darf ich das hier gar nicht erzählen. Deswegen zerstört sich dieser Blogbeitrag in fünf Sekunden von selbst. Peng!

Bilderbuch: Grande Angola

Für unseren Landrover Defender – und natürlich für uns – geht es mit der Grande Angola der italienischen Reederei Grimaldi von Hamburg aus über Tilbury, Antwerpen, Dakar (Senegal), Freetown (Sierra Leone), Rio de Janeiro (Brasilien) bis nach Montevideo in Uruguay. In diesem Bilderbuch gibt es Fotos von unserer Überfahrt mit der Grande Angola.

Die Grande Angola ist ein RoRo-Frachtschiff (Roll on, Roll off). Sie funktioniert wie ein schwimmendes Parkhaus. Transportiert werden vornehmlich runter gerockt Autos für Afrika (Freetown, Banjul, Dakar) und Neuwagen (u. a. Audi, Porsche). Dazu kommen noch vereinzelte Expeditions- und Wohnmobile von Panamericana- und Südamerika-Reisenden wie uns. Neben den ganzen Autos werden auch noch Container transportiert.

Mehr zum Thema Verschiffung gibt es bei uns im Blog.

Ship, ship, hooray!

Montag früh um zehn. Montag Nachmittag um vier. Dienstag um acht. Es war schon ein ewiges hin und her, wann wir denn nun wirklich aufs Schiff könnten. Zusammen mit Ursi und Robert, unsere beiden Mitreisenden aus der Schweiz, hatten wir uns schon auf eine weitere Nacht am O’swaldkai eingestellt. Der nette Mann von der Security versorgte uns mit letzten Infos, mit Zetteln vom Pizza-Service und einem Gute Nacht-Gruß. Die Leute halten uns für bekloppt, die Polizei fragt, was hier hier tun und die Brummifahrer prosten uns im vorbeifahren zu.

Und während wir da so saßen in unserem provisorischen Wohnzimmer zwischen Containern und unzähligen neongelben Krankenwagen auf dem Weg nach Ägypten, da kam Herr Schneider angeschossen und brachte uns, statt Thunfischsalat und Pizza die erfreuliche Nachricht, dass wir uns gegen 21.00 Uhr doch nochmal bei der Security melden könnten. Vielleicht könnten wir doch noch des Nachts auf die Grande Angola.

Die Grande Angola

Viertel vor neun. Ein kurzer Blick in die Pässe, ein Ausdruck und die Anweisung, mittels des Barcode-Zettels durch die Schranke zu fahren und dann den Anweisungen der Eskorte zu folgen. Und von da an ging alles rasend schnell. Mit Warnblinkern und 30 km/h durch unzählige Container, Schrottkarren und niegelnagelneuen besternten Cabrios hindurch führte und das Pacecar zur Grande Angola. Unsere Security-Eskorte deutete uns einen Parkplatz und ward verschwunden.

Da standen wir also. Vor uns dieses Trumm von schwimmendem Parkhaus. Weiß, orange angestrahlt und vom Rauch der Dieselmotoren umhüllt. Und wir so klein daneben. Vielleicht ein bisschen hilflos, in jedem Fall aber ziemlich ratlos. An uns vorbei rauschen nicht mehr ganz TÜV-gerechte Karossen, manchmal mit laufendem Motor, manchmal werden sie auch eher unsanft von einem mit Altreifen ummantelten Schubser-Auto in das schwimmende Parkhaus getrieben. Roberto erbarmte sich dann unser und stellte sich als Crewmitglied vor.

Boarding

Wir können nun an Bord, sagt er und ist wenig begeistert über unsere drei Zarges-Boxen, die mit wollen. Wobei sich seine offensichtliche Nicht-Begeisterung wirklich in Grenzen hält. Er, wie alle anderen Crew-Member, die wir an diesem Abend noch kennenlernen, sind ausgesprochen nett und fast schon übertrieben höflich.

Warnweste anziehen, Pässe vorzeigen und ab in den Aufzug. Der misst gerade einmal 80 mal 80 Zentimeter. Zu klein für uns und das Gepäck. Also fahren wir in drei Schichten nach oben.

Sonny, unser Steward, zeigt uns die Kabine, nimmt uns Reise- und Impfpässe ab und ist wieder verschwunden. Klopft später wieder unter vielen Entschuldigungen an und sagt uns noch, wann es Frühstück gibt und das wir ihn jederzeit in Anspruch nehmen können. Außer heute Abend. Und morgen auch nicht, da muss er nämlich noch persönliche Dinge erledigen. Aber sonst immer. Aber nur bis Antwerpen, weil da geht er von Bord.

Was für ein Wahnsinn: Wir sind auf dem Schiff.

Wahnsinn. Wir stehen auf einem riesigen Frachter. Über 3.000 Autos, rund 1.350 Container sind mit uns an Bord (wenn das Schiff voll ist). Unsere Kabine befindet sich in der zwölften Etage. Das Schiff ist so hoch wie ein Hochhaus. 210 Meter lang, 32 Meter breit. Soweit das Auge reicht sind Waren für die halbe Welt mit uns auf der Grande Angola. Und wir mitten drin. Ich bin total geflasht. Wie häufig erlebt man – wenn man langsam älter wird – schon etwas absolut und total neues? Viel zu selten. Und wie oft macht man so ein once in a lifetime-Ding?

Das Nass der Dusche ist nach den staubigen Tagen auf dem Wohnmobilhafen in Hamburg ein echter Genuss. Und der kleine Schluck Duke an Deck mit einem irren Blick über den Hamburger Hafen nicht minder. Der Tag mit seinem ewigen hin und her hat uns echt geschlaucht. Und die Nacht an Bord der Grande Angola, noch mitten im Hafen war wirklich seelig.

„Good morning, Sir! – Goog morning, Mam!“, begrüßt uns heute früh eines der Crewmitglieder im Flur. Wieder so freundlich. Nach der Nacht ist klar: Ja, wir sind hier. Ja, jetzt geht es richtig los. Die Grande Angola läuft am Nachmittag aus. Vorher haben wir hoffentlich noch die Gelegenheit, den Defender an Bord zu holen. Und dann geht es mitten durch den Hamburger Hafen die Elbe entlang in Richtung Nordsee.

Wir freuen uns auf die kommenden Wochen auf See. Auch – oder gerade – ohne Internet. Mit etwas Glück melden wir uns nochmal aus London oder Antwerpen. Danach ist aber wirklich Schluss.

Ship, ship, hooray!

Die Zeit läuft – noch 81 oder 135 Tage?

Der letzte Arbeitstag liegt hinter mir. Hinter Michaela schon lange. Hase1 kümmert sich schon seit geraumer Zeit vermehrt um die Reiseplanung. Für mich hat nun auch eine neue Zeitrechnung angefangen. Morgen habe ich nichts mehr zu tun. Zumindest nicht das, womit ich die letzten 18 Jahre meines Lebens verbracht habe: in und für meine Mitarbeiter, meine Kunden und meine Firma zu leben. Morgen früh kann ich aufstehen und nicht mehr ins Büro fahren. Vielleicht radle ich zum Bäcker. Vielleicht auch nicht. Vielleicht schaue ich Barbara Salesch im Wohnzimmer unserer Zwischen-WG. Vielleicht auch nicht. Vielleicht tue ich einfach mal nichts. Kaum vorstellbar.

Das ist tatsächlich kaum vorstellbar. Denn die Umgebungsvariablen unserer Reise ändern sich diese Woche vielleicht; und damit unsere gesamte Zeitplanung. Aber von vorn.

Die Grimaldi-Reederei und ihr Fahrplan

Anfang vergangener Woche hat uns Grimaldi mitgeteilt, dass unser Schiff (voraussichtlich!) erst am 31.10.2016 ab Hamburg abfahren wird. Das war ein echter Schock! Denn das ursprünglich angepeilte Abreisedatum lag Mitte September, also sieben bis acht Wochen früher. Ihr könnt Euch vorstellen, dass da auf einmal ganz viel Frust in der Luft lag!

Grimaldi Schedule

Grimaldi Schedule

Zum einen passt das überhaupt nicht in unsere Reisepläne. Eigentlich ist es ja egal, wann wir in Südamerika ankommen. Wir haben ja erstmal nichts vor. Aber wir können nicht „irgendwann“ nach Alaska fahren. Schon im September liegt die mittlere Temperatur in Prudhoe Bay (Alaska), dem Endpunkt unserer Reise  nur noch knapp über dem Gefrierpunkt (tagsüber!). Im Oktober kann es schon deutlich unter die -10°-Grenze gehen. Prudhoe Bay liegt auf dem 70. Breitengrad und damit ziemlich genauso nördlich wie das Nordkap; unter anderem bedingt durch die Nähe zur Eisgrenze des Nordpolarmeeres, ist es im Schnitt aber um einige Grade kälter. Die optimale Reisezeit für ganz Alaska insgesamt liegt in den Monaten Juli und August. Und das möchten wir natürlich nicht verpassen. Wenn sich nun unsere Abfahrt nach Südamerika bis Ende Oktober verschiebt, dann bleiben uns bei Ankunft in Montevideo Ende November nur noch etwas mehr als ein halbes Jahr von Ushuaia bis Prudhoe Bay. Das hatten wir anders geplant.

Zum anderen feiere ich Ende Oktober meinen 40. Geburtstag. Und seit Beginn der Reiseplanung bin ich immer davon ausgegangen, meinen runden Geburtstag auf einem Frachtschiff mitten auf dem Atlantik zu verbringen. Nicht, dass das wichtig wäre. Aber gefreut habe ich mich schon darauf …

Aus 135 Tagen werden 81

Letztlich ist bis Ende Oktober noch soviel Zeit, dass wir fast davon ausgehen, dass auch der 31.10. nicht zu halten ist. Irgendwann im November wollten wir dann also doch nicht fahren. Also haben wir uns mit der Reederei in Verbindung gesetzt. Ein Telefonat und zwei E-Mails später sieht die Welt schon wieder ganz anders aus und versetzt uns in leichte Panik. Das aktuelle Angebot: statt Ende Oktober auf der Grande Sao Paolo könnten wir auch am 6. September 2016 mit der Grande Angola fahren.

Und das bringt uns jetzt wirklich durcheinander. Denn mit Anfang September hätten wir jetzt auch wieder nicht gerechnet. Zumal wir vier Tage später, am 10.09. mit Freunden und Familie eine kleine Abschiedsparty feiern wollten. Theoretisch wäre der neue Zeitplan toll! Unsere eigenen Termine haben wir bis Ende August geplant. Danach ist eigentlich gähnende Leere. Die freie Zeit im September wollten wir nutzen, um noch ein Praktikum in einer Landrover-Werkstatt zu machen, die letzten Formalitäten zu klären und hie und da noch ein paar Freunde zu einem letzten Glas Wein vor der Reise zu treffen. Das gerät jetzt alles ganz schön durcheinander.

Klar, wir rechnen auch nicht damit, dass der 06.09.2016 gehalten wird. Auch die Abfahrt der Grande Angola wird sich nochmal um ein paar Tage nach hinten verschieben. Insofern sollte wenigstens der Party nichts im Wege stehen. Und wenn doch, dann müssen halt alle eingeladenen ohne uns unsere Reise feiern. Auch nicht schlecht …

Für uns wird alles auf einmal sehr konkret. Raus aus dem Job und quasi schon rauf aufs Schiff. Diese Woche werden wir uns entscheiden. Alles, was noch niet- und nagelfest gemacht werden muss, wollen wir bis Freitag klären: Versicherungen, Krankenkassen, Reisedokumente. Und wenn am Freitag alles geregelt ist oder regelbar erscheint, dann stelle ich den Countdown auf der Startseite von 135 auf 81 Tage.

Was macht man 30 Tage auf dem Meer?

Verschiffung nach Südamerika, was vielleicht passieren wird … Nachdem wir unsere RoRo-Verschiffung nach Montevideo gebucht haben, haben wir uns natürlich auch ein bisschen schlau gemacht, was in den rund 30 Tagen an Bord so alles passieren wird.

Zusammengefasst: Nichts. Oder zumindest nicht viel. Auf einem Frachtschiff zu reisen hat irgendwie so gar nichts mit einer Kreuzfahrt zu tun. Ganz im Gegenteil: Eigentlich gibt es nichts zu tun. Vielleicht ein bisschen auf dem Deck sitzen und links aufs Meer schauen. Und dann ein bisschen rechts aufs Meer schauen. Und dann wieder links. Kein Telefon. Kein Internet. Kein Fernsehen. Kein Radio. Die Verpflegung soll ausgesprochen gut sein. Die Crew, so um die 15 Mann, will ja auch bei Laune gehalten werden. Und die max. 12 Passagiere, die zusammen mit ihren Autos an Bord sind, natürlich auch. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann sind maximal 12 Passagiere an Bord, damit kein Arzt auf dem Schiff sein muss. Diese Kosten spart sich die Reederei natürlich gerne. Also weniger Passagiere, dafür kein Schiffsarzt. Zurück zur Verpflegung: zwei 4-Gänge-Menüs pro Tag. Dazu ein ausgiebiges Frühstück. Das kombiniert mit keiner Bewegung. 30 Tage lang. Gut, dass es wenigstens eine Tischtennisplatte und ein Laufband geben soll. Aber das ist auch von Schiff zu Schiff unterschiedlich.

eBook Frachtschiff nach SüdamerikaApropos unterschiedliche Schiffe. Unsere erste Bestätigung der Frachtschiffreise lautete auf die Grande Francia. Ein RoRo-Containerschiff der Reederei Grimaldi mit 197 Meter Länge. Geplante Abfahrt ab Hamburger Hafen: 25.09.2016. Schon zu Beginn wurde uns aber gesagt, dass sich das im Laufe des Jahres noch mehrfach ändern kann. Zum Beispiel letzte Woche. Jetzt sind wir auf die Grande Gabon gebucht; Abfahrt am 04.10.2016. 211 Meter lang, gebaut 2011, also quasi niegelnagelneu (aktuelle Posititon Grande Gabon).

30 Tage, voraussichtlich mit einem Zwischenstop an der Westküste Afrikas (Dakar) und einem in Brasilien. Brasilien vielleicht sogar mit Landgang. Ansonsten bleibt in diesem Monat auf See viel Zeit zum Lesen, vielleicht zum Spanisch Lernen, vielleicht zum Deck schrubben. Irgendetwas wird uns schon einfallen. Nicht vergessen: Mau-Mau-Karten mitnehmen.