Beiträge

39 Tage an Bord – hallo Panamericana

Neununddreißig Tage. Irgendwann habe ich angefangen, die Minuten zu zählen. Wie in einem Film. Spaziergänge auf dem Deck, immer im Kreis, alleine, weit und breit kein Schiff, kein Wal, kein Land und auch kein Mensch. Wie die tägliche Stunde im Hof bei Einzelhaft. Gerade wenn das Schiff drei Tage vor Rio vor Anker liegt. Oder drei Tage vor Montevideo. Du weißt, Du kommst Deinem Ziel keine Seemeile näher.

Die Anfangseuphorie verfliegt in dem Moment, in dem Du erfährst, dass Du nicht wie geplant ankommst, sondern Tage um Tage später. Das Essen wird nicht besser, seit der Koch in Santos krank von Bord musste (war ihm das Essen zu eintönig?) und der ungelernte Messboy den Rührbesen übernimmt. Highlight unserer Reise ohne Zwischenstopps: Eine Stunde dümpeln auf offenem Meer, weil die Maschine den Dienst verweigert. Die Tage plätschern irgendwann nur noch so vor sich hin. Du kannst nichts tun, keine Lust mehr zum Lesen, kein Starbucks, um die Zeit zu vertrödeln … manchmal hat man das Gefühl, die Zeit vertrödelt uns. Tick. Tack. Schon wieder zwei Minuten rum.

Die Stimmung schlägt wieder ins Fröhliche um, als wir einen vermutlich festen Zeitplan für die letzten Tage an Bord bekommen. Ein Silberstreif am Horizont, Bewegung im Rio de la Plata. Samstag Abend verlassen wir die Ankerposition irgendwo östlich von Montevideo und fahren auf die Pilot-Position, wo wir unsere Lotsen am Sonntag früh um nullsiebenhundert aufgabeln. Dann geht es westlich in Richtung Buenos Aires. Zarate erreichen wir am Montag um nullzwohundert, Landgang durchaus möglich. Ein neuer (echter) Koch kommt an Bord. 48 Stunden später geht es auf die letzte Etappe in Richtung Montevideo, wieder ein Stück zurück. Freitag geht es von Bord. Endlich?

Zumindest in Teilen. Die Frachtschiffreise war schon ein besonderes Erlebnis! Zwischendrin dachten wir, es sei wirklich ein „once in a lifetime“-Ding. Nie wieder. Dabei war es doch auch irgendwie beeindruckend. Viele Dinge, die man „so alt“ zum ersten Mal erlebt. Kommt ja auch nicht alle Tage vor.

Kein Gefühl für Zeit. Immer wieder die Frage, welcher Tag heute ist. Ein ganzer Monat scheint verschwunden. Was ist meanwhile in der Welt passiert? Wichtiges oder doch nur der übliche, vollkommen belanglose Alltagstrott da draußen? Die Zeit, die manchmal nur so vor sich hinplätschert, verfliegt wie im Flug. Termine und Geburtstage gehen vorbei, ohne dass man gratulieren kann oder irgendetwas erfährt. Die Welt scheint manchmal ein ganz anderer Ort zu sein. Und das alles, während man die unzähligen unterschiedlichen Blautöne des Meeres zu dechiffrieren versucht.

Am Meer kann man sich nun gar nicht satt sehen. Dazu ein paar Wale, Delfine, unerwartete Landgänge in Afrika und Brasilien, viel zu Lachen, kein Telefonklingeln, ganz andere Perspektiven – vom Wasser aus und aus dreißig Metern Höhe. Entschleunigung pur und das Gefühl, endlich angekommen zu sein: Am Ende einer Reise und am Beginn eines großen Abenteuers.

Wer weiß, ob wir nochmal auf ein Frachtschiff gehen. Vielleicht nicht noch zehn weitere Male wie Teresa und Pierre. Vielleicht nicht auf der gleichen Strecken. Vielleicht auch ein oder zwei Wochen kürzer. Aber warum eigentlich nicht?

Auch auf anderen Meeren gibt es schöne Routen.

Hurtig, Mensch,
entscheide weise,
ob Dich ein Frachter führt
auf eine gänzlich and’re Reise!

Angekommen in Uruguay. Unsere Reise auf der Panamericana kann jetzt endlich starten. Wir freuen uns auf die Straße. Wir freuen uns, dass es jetzt so richtig richtig losgeht

Technik eines Frachtschiffes

Natürlich ist es Passagieren nicht erlaubt, den Maschinenraum zu betreten. Aber wahrscheinlich sagt er das alles Passagieren, die der First Engineer unter Deck begrüßt. Rauchen ist dort ja auch nicht erlaubt. Das steht zumindest auf dem Schild über dem vollen Aschenbecher.

Drei Stockwerke hoch ist die Maschine der Grande Angola, die Luftfilter sind mannshoch, die Kolben etwa zwei Meter fünfzig. Die Maschine ist so groß, dass der Engineer einmal im Monat rein spaziert und die Maschine von innen wartet. 24.000 PS hat das Aggregat, verbraucht rund 2 Tonnen Öl pro Stunde, der Turbolader wird über „irgendwelche Chemikalien“ gezündet. Insgesamt führt das Schiff 2.000 Tonnen Öl mit. Das Öl mit einem Schwefelgehalt von 2.5% kostet rund 500 – 700 Euro pro Tonne, darf aber nicht in Europa verwendet werden. Das in Europa zugelassene hat nur 0.1% Schwefel, kostet aber rund 1.000 Euro pro Tonne. Mitten auf dem Meer wird dann ein anderer Tank angezapft, damit es nicht so viel kostet, wenn man mit maximal 21 Knoten über die Ozeane schippert. Merkt doch keiner, wenn man auch in Europa den dreckigen Sprit verbraucht, könnte man meinen, der Ausstoß wird aber mittels Hubschrauber oder Drohe rgelmäßig von den Authorities geprüft. Kommt zuviel Abgas oben aus dem Schornstein raus, bereitet der Kapitän schon mal das Gepäck des First Engineer vor, sagt er.
Dass das verbrauchte Altöl ordentlich recyled wird, wird auch geprüft: Was ins Schiff eingefüllt wird, muss auch wieder in gleicher Menge entnommen werden. Zumindest in Europa ist das so. Selbiges gilt natürlich auch für den Müll: Immer schön mit in den Hafen nehmen, sagt der First Engineer, man kann ja nicht alles verklappen. Und sowieso nicht überall. Außer mal Essensreste oder Karton, im Atlantik, nicht in der Nordsee oder in der Nähe des Mittelmeeres. Aber keine anderen Sachen! Wenn überhaupt, dann wird in der eigenen Müllverbrennungsanlage verbrannt; aber die wird nicht so oft benutzt. Nach den Waschmaschinen haben wir ihn nicht gefragt, aber das ist eine andere Geschichte.

Sieben Mann arbeiten unten im Schiffsbauch, Maschinenbauer, Elektriker, Wiper (was auch immer das ist?). Nur nachts nicht, da gibt es weniger Besatzung im Maschinenraum, dafür ein Alarmsystem in den Crew-Kabinen und im Messroom. Wenn es bimmelt, sollte man den Alarm wohl nicht abschalten, nur weil es piepst, oder, Mike?

Über 18.000 kW Energie erzeugt die Maschine im laufenden Betrieb, was nicht nur für den im Durchmesser 4 Meter messenden Rotor am Heck und die 3 Seitenrotoren ausreicht. Rund 1.000 kW werden an Energie zurückgewonnen und reichen nicht nur für den gesamten Strom, der im Schiff benötigt wird, sondern auch für die Warmwasseraufbereitung und das Anheizen des Öls, das auf immerhin 130 Grad erwärmt wird, um es flüssiger zu machen. Steht das Schiff im Hafen, dann werden vier Dieselgeneratoren angeworfen, die anstelle des großen Aggregats für 1.000 kW Strom sorgen.

Duschwasser wird aus Meerwasser gewonnen, gekocht, entsalzt und ins Schiff gepumpt. Eigentlich könne man es auch trinken, sagt der First Engineer. Vielleicht nur nicht, wenn man in der Gegend von Freetown ist. Wer weiß, was da alles im Wasser schwimmt.

Bilderbuch Rio de Janeiro

„Ihr seid aus Kanada?“, fragte unser Taxifahrer mit dem schönen Namen Carlos Henrique da Silva de Paiva. „Nein, aus Deutschland …“. Schweigen.
„Oh, scheiße, 7:1“, und zeigte uns die Gänsehaut auf seinem Arm. Das WM-Halbfinale, das jetzt etwas mehr als zwei Jahre zurück liegt, hat Spuren hinterlassen. Aber seinem breiten Grinsen war zu entnehmen, dass es irgendwann wohl eine Revanche geben wird.
Unser Aufenthalt in Rio war kurz und knapp. Rund fünf Stunden nur lag die Grande Angola im Hafen, nachdem wir zuvor knapp drei Tage vor der Copacabana und Ipanema vor Anker lagen, mit Blick auf Zuckerhut und Christus-Statue, die live natürlich ganz anders wirken, als in den Fernsehbildern von Olympia und Fussball-WM.
Unser kurzer Aufenthalt reichte nur für einen Taxi-Trip an die Copacabana. Ein, zwei, drei Caipirinha und einen deftigen Sonnenbrand später ging es mit Carlos schon wieder zurück aufs Schiff. Hat sich aber gelohnt, schon allein deswegen, weil Rio nie und nimmer auf unserer angedachten Route lag.

Leben an Bord

Die Tage an Bord der Grande Angola vergehen unglaublich schnell. Obwohl ja irgendwie überhaupt nichts zu tun ist. Ein bisschen aufs Meer schauen, Frühstücken, ein Buch lesen, ein bisschen aufs Meer schauen, an Deck zwischen den Autos spazieren, aufs Meer schauen, ein bisschen im Buch lesen, ein vorbeiziehendes Schiff beobachten, Mittagessen, kickern, aufs Meer schauen, lesen, Wale suchen, Abendessen, aufs Meer schauen, der GADC-Sitzung (siehe unten) beiwohnen, Sterne beobachten, Gin trinken, ins Bett gehen.

So richtig viel ist nicht zu tun und die Tage gehen doch unendlich schnell vorbei. Kaum zu glauben, dass wir heute (26.09.) schon seit zwei Wochen an Bord sind. Schön, dass noch knapp drei Wochen vor uns liegen!

Essen an Bord

eBook Frachtschiff nach SüdamerikaMorgens Frühstück mit frisch gebackenem Focaccia. Dazu Kaffee, der jeden Tag Sodbrennen verursacht. Und Pflaumenmarmelade mit 40% Fruchtanteil …
Zu jedem Essen ein Getränk frei. Wasser, Limo, Cola oder Wein. Ein Fläschchen italienischer Landwein, 0,25 Liter. Das „Bavaria“-Bier aus der brasilianischen Dose kostet 1 Euro extra. Dafür ist es eiskalt. Die Flasche Johnny Walker Red Label 25 Euro. Micks Flasche ist nach zwei Tagen fast leer.
Mittags und Abends vier oder fünf Gänge. Nach einer Woche weiß man in etwa, was es gibt. Suppe oder Pasta, Fleisch oder Pasta, Fisch oder Fleisch, Donnerstags und Sonntags ein Eis oder Kuchen, danach Obst. Und einen Espresso oder Ristretto der eine Schande für seine italienische Herkunft ist. Aber man nimmt, was man bekommt.
Der Koch hat mittendrin gewechselt. Nicola, unser Bäcker (backen konnte er!) ist inzwischen daheim bei seiner Familie in Neapel und backt wohl kleinere Brötchen. Rocco, sein Nachfolger hat deutlich mehr Ambitionen, so rein küchentechnisch, aber auch er kann nur kochen, was seit Antwerpen an Bord gekommen ist. Nix mit einem feinen griechischen Bauernsalat oder Tomaten mit Zwiebeln, höchstens Eisbergsalat mit Essig und Öl. Keine Frittata mit frischem Gemüse, eher Omelette mit Käsefüllung. Okay, es ist nicht so schlecht, wie es sich gerade liest, ganz im Gegenteil. Eigentlich ist es ganz gut, aber nach zwei Wochen wiederholt sich halt doch alles irgendwie. Rocco gibt sich größte Mühe uns kulinarisch zu unterhalten.

Officers und Crew an Bord

Noch nie in meinem Leben habe ich Unterschiede der Herkunft wegen so deutlich gesehen. Die arbeitende Crew besteht ausschließlich aus Philippinos, die Offiziere sind allesamt Italiener. Einzige Ausnahmen: der Security Officer Michael und der Messman „Sonny Boy“. Aber der Zusatz sagt ja irgendwie auch schon alles. Alle sind sehr freundlich, hilfsbereit, wenn man sie anspricht, geradezu höflich. Aber der Unterschied zwischen Officers und Crew ist so breit wie ein Hafenbecken in Antwerpen. Die Crew lässt sich nie sehen, wenn überhaupt huschen sie auf dem Gang an Dir vorbei, wenn sie sich mal in den falschen Flügel verirrt haben. Sie werden sogar anders bekocht (die Passagiere und Officer bekamen bei Nicola mal das Fleisch, die Crew die Brühe …).

Der Kapitän Raffaele Minotauro erklärt mit sichtbarer Freude seine Brücke und mit einigem Überschwang auch gerne mal die Sternbilder – ohne dass ihn irgendjemand ob seiner überschaubaren Englischkenntnisse wirklich verstehen würde.

Man darf nicht vergessen, dass wir auf diesem Frachtschiff nur Mitreisende sind. Eigentlich sind wir nur Fracht. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass wir nur rudimentär mit Informationen versorgt werden. Alle müssen schliesslich arbeiten, Weit und breit kein Sascha Hehn, der den Damen an Bord schöne Augen macht, weil das seine einzige Beschäftigung an Bord des Traumsschiffs war. Bis er dann irgendwann Kapitän wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.
Dass die Uhrzeit umgestellt wird, erfahren wir manchmal nur nebenbei, wenn sich die Essenszeiten verschieben, bekommen wir das nur mit, weil sich niemand in der Offiziersmesse sehen lässt. Und wann und ob wir in Dakar an Land gehen können, erfahren wir auch nur rein zufällig, nachdem wir schon rund zwei Stunden im Hafen liegen.

Klo und so.

„schlurp“, wie im Flugzeug, macht es in aller Regelmäßigkeit nicht. Immer wieder stehen wir da und wissen nicht, wann und ob wir pinkeln können. Wenn ein zweiter Klobesuch nicht möglich ist, erfahren wir das durch die fehlende Spülung beim ersten Mal. Ein paar Stunden später funktioniert wieder alles. Bis zum nächsten Blackout. Und der kommt eben in aller Regelmäßigkeit. Ob das der Grund ist, warum unsere französische Mitreisende (Marie-Christine, 61) zwischen die Autos auf dem obersten Deck gepinkelt hat? Ja vielleicht, dann scheint aber auch deren Dusche nicht richtig zu funktionieren. Zumindest macht ihr Mann (Philippe, 63) uns olfaktorisch wenig Freude.

Menschen an Bord.

Über 30 Tage auf einem Frachtschiff und dann nur komische Leute. Das war unsere größte, eigentlich die einzige Befürchtung. Mit wenigen (französischen) Ausnahmen, ich erinnere mich dunkel an Ilse-Hasis Erzählungen aus Namur, haben wir nur gute, ach was, nur beste Erfahrungen gemacht. Ursi und Robert, die beiden Schweizer, die die nächsten fünf Jahre in Südamerika verbringen wollen, sind in wenigen Tagen von Fremden zu Freunden geworden – und das nicht nur wegen des GADC (siehe unten). Nach den ganzen Abschieden vor knapp drei Wochen kommt bald nochmal einer auf uns zu, der mir sicherlich auch nicht leicht fallen wird. Das sagt ja fast schon alles … Mike (50), das „Squirrel on speed“, ist der Klassenclown unserer Reisetruppe. Immer ein bisschen zu überschwänglich, der Humor very british, ein feiner und netter Kerl; beim Kickern aber hoffnungslos unterlegen. Mick (68), zum vierten Mal mit dem Motorrad auf dem Weg nach Patagonien, verliebt in Land und Leute, Veganer, Whiskey-Töter, still, aber immer mit einem freundlichen Wort unterwegs.
Nun ja, und unsere vier Franzosen halt. 34 Tage Sozialstudie. Mehr sog i ned!

Zoll an Bord.

Sowas kennt man ja als Schengen verwöhnter Möchtegern-Overlander überhaupt nicht mehr. Dass der britische Zoll bei uns in der Kabine stand – das war ja schon ein Erlebnis.

Wetter an Bord.

Rauer Wind, ein wenige Seegang, pralle Sonne. Aber alles in gemäßigten Temperaturen. Die ersten zwei Wochen konnten wir fast ausschließlich an Deck verbringen, mit SoSchuFa 50 und lustigen Hüten. Erst ab Mauretanien schlug das Wetter um (sich). Brutale Feuchtigkeit, gepaart mit heftigen Temperaturen. Gefühlte 50 Grad im Schatten der Brücke, bei 104% Luftfeuchtigkeit. Ein (schöner) Vorgeschmack auf die Karibik …

Tischtennis an Bord.

Extra Schläger gekauft, extra Bälle besorgt. Nicht nur wir, Mike vorsorglich auch. Und dann das: Keine Tischtennisplatte. Ehrlich, ich habe mich vorher sehr darauf gefreut, muss ja auch mal gesagt werden, wenn man sich ehrlich auf eine Tischtennisplatte freut, aber da ist keine, da war nur mal eine; davon übrig sind noch ein paar Schläger und hinreichend viele Bälle. Die liegen im Fitnessraum neben den Fahrrädern und Laufbändern, die alle irgendwie nicht funktionieren. Und wenn sie funktionieren, dann mehr schlecht als recht. Und in einem Fitnessraum ohne Fenster, da macht das Radeln auch nur rudimentär Spaß, wenn vorher Marie-Christine und Philippe auf dem Laufband waren.
Wenigstens gibt es einen Kickertisch, seit Antwerpen. Modell chinesisches Hinterland. Der ganze Tisch so leicht wie ein Bein des Kickertischs im alten Büro, obwohl neu, so baufällig und schief, als stünde er in Pisa. Und bald – ich befürchte es – will eh niemand mehr mit mir spielen. Ein Kickerspiel dauert 12 Minuten und am Ende gewinnt immer der Deutsche…

GDAC.

Der „Grande Angola Drinking Club“, gegründet am 15. September 2016, oder am 19. September, gegen 20.00 Uhr MESZ im Hafen von Antwerpen, oder in Tilbury, oder irgendwo dazwischen. So genau wissen wir das nicht mehr, weil Roberts Outlook den Geist aufgegeben hat. Also haben wir den Geist aus der Flasche beschworen.

Natürlich ist es streng verboten, über den GADC zu sprechen. Und was im GADC besprochen wird, bleibt natürlich auch im GADC. Der GADC ist ein exklusiver Club, vier Mitglieder, eine Leidenschaft. Den letzten Schluck Duke (Danke, Karin, was für eine tolle Erfahrung!) haben wir vor der Mauretanischen Küste geleert. Die Flasche wird als Flaschenpost irgendwo im Atlantik über Bord gehen. Natürlich darf ich das hier gar nicht erzählen. Deswegen zerstört sich dieser Blogbeitrag in fünf Sekunden von selbst. Peng!

Bilderbuch Freetown

Es gibt über Freetown gar nicht so viel zu sagen, weil wir aus Sicherheitsgründen nicht an Land gehen konnten. Es bleiben die Eindrücke dieser unendlichen Armut, der Menschen, die zusammen mit Schweinen am „Strand“ leben, von der dunkelsten Stadt, die wir je gesehen haben, weil es keinen Strom gibt oder die Menschen sich keinen Strom leisten können. Und viele, viele Bilder. Ein paar davon hier für Euch.

Bilderbuch Dakar

Unser Ausflug nach Dakar war dann doch viel kürzer als erwartet. Statt der eineinhalb Tage an Land, war es dann nur knapp ein Abend und zwei Stunden am nächsten Vormittag. Natürlich viel zu kurz, um eine Stadt kennenzulernen. Aber immerhin lang genug, um die Mischung aus Afrika und europäischem Einschlag einzuatmen. Highlight war unser Abendessen auf dem Dach des Hotels Fleurs de Lys, zusammen mit Ursi, Robert und Mike.
Dakar merkt man an, dass Paris-Dakar und die Handelsschiffe ihre Spuren hinterlassen haben. Glenmorangie kostet 48.000 CFA, 73 Euro pro Flasche, die „Guides“ am und im Hafen fragen freundlich nach Sonnenbrillen, Trinkflaschen oder auch ganz ungeniert nach 20 Euro. Davon kann man immerhin 50 Kilogramm Reis kaufen, einen ganzen Sack, wer weiß, wie lange eine Familie davon leben kann …
Überall stehen Sicherheitsleute, an jedem größeren Wohnhaus, vor der Zentralbank mit Maschinenpistole im Anschlag, vor jedem Geschäft. Auf dem Weg zum Abendessen müssen wir durch einen Metalldetektor in der Lobby des Hotels. Fotografieren ist oft verboten, vor allem den Präsidentenpalast darf man nicht abbilden (Foto siehe unten). Und statt Ampeln hat es Verkehrspolizisten, die mit ihrer Trillerpfeife den Verkehr regeln. Dabei gibt es da eigentlich gar nichts zu regeln. Die Beulen und Dellen in allen Autos sprechen für sich, das regelt sich von ganz allein. Trotzdem ist es vollkommen ungefährlich, über die sechsspurige Strasse am Place de L’Independence zu gehen. Keiner fährt dich über den Haufen; erst recht nicht die unzähligen Taxen, die mittels Hupe ihre Dienste anbieten. Als Tourist oder Nicht-Einheimischer bist du leicht zu erkennen. Also wirst du angehupt. Auf dem Hafengelände müssen wir Helme tragen. Nun denn. Wenn uns hier etwas auf den Kopf fällt, dann hilft der Helm auch nicht mehr.
Dakar, weit über dreißig Grad, Luftfeuchtigkeit wie im Hammam, wir nähern uns merklich dem Äquator und dem Grüngürtel Afrikas.

Bilderbuch: Grande Angola

Für unseren Landrover Defender – und natürlich für uns – geht es mit der Grande Angola der italienischen Reederei Grimaldi von Hamburg aus über Tilbury, Antwerpen, Dakar (Senegal), Freetown (Sierra Leone), Rio de Janeiro (Brasilien) bis nach Montevideo in Uruguay. In diesem Bilderbuch gibt es Fotos von unserer Überfahrt mit der Grande Angola.

Die Grande Angola ist ein RoRo-Frachtschiff (Roll on, Roll off). Sie funktioniert wie ein schwimmendes Parkhaus. Transportiert werden vornehmlich runter gerockt Autos für Afrika (Freetown, Banjul, Dakar) und Neuwagen (u. a. Audi, Porsche). Dazu kommen noch vereinzelte Expeditions- und Wohnmobile von Panamericana- und Südamerika-Reisenden wie uns. Neben den ganzen Autos werden auch noch Container transportiert.

Mehr zum Thema Verschiffung gibt es bei uns im Blog.

Die ersten Stunden auf See

Mittwoch, 14.09.2016. Dieses Once in a lifetime-Ding. Das erst mal auf einem Frachtschiff. So eine gewisse Vorstellung hat man ja. Es ist wie ein schwimmendes Parkhaus, enge Flure und dauernd schwankt es, sodass man sich rechts festhalten muss und trotzdem links gegen die Schranktür knallt.

Nicht ganz, aber auch nicht ganz so falsch. Zur Hälfte ist das Schiff tatsächlich ein schwimmendes Parkhaus. Elf Decks mit Autos, Bussen, Baumaschinen, Lastwagen und anderen Ungetümen. Auf dem Parkhaus-Dach stehen nochmal jede Menge Karossen, teils gefüllt mit Matratzen oder mit offenen Fenstern; festgezurrt an im Boden eingelassenen Ösen, die Karossen hier oben schon ein bisschen angerostet. Seewasser und Salz sollten ihnen nun auch nichts mehr anhaben. Zumindest nicht soviel, dass es zum Fahren in Afrika nicht mehr taugt. Überall laufen Philippinos in blauen Overalls und mit Helm herum. „Hello, Sir!“. Neongelbe Warnweste, weißer Helm.

 

Unter Deck, auf den Parkdecks, ist es warm und heiß und schmutzig. Ein bisschen wie man das aus Filmen kennt. Manchmal ist es so eng wie im „Boot“, nur das aus dem Off niemand Wasser im Torpedoraum beschreit. Heiß und stickig. Herbert Grönemeyer war immer ähnlich verschwitzt wie wir, wenn wir auf dem Parkdeck waren.

Der vordere Teil der Grande Angola besteht aus Containern. Vielen Container. Und noch mehr Containern. Über 1.000 sollen hier stehen, wenn sie voll beladen ist. Kaum nachzählbar. Aber den ersten Tag, den wir noch ruhend im Hamburger Hafen verbracht haben, konnten wir den ganzen Tag mit Containerwatching verbringen. Oder dabei zusehen, wie ein Auto nach dem anderen im Bauch der Grande Angola verwindet. Klapperkiste, neuer Audi, Bagger, neuer Porsche, Reisebus. Große Faszination, weil man so etwas ja doch nicht alle Tage sieht.

Irgendwann darf auch der Defender an Bord. Rückwärts über die Rampe, tief nach unten. Und es ist so unendlich warm dort. Die knapp 30 Grad im Hamburger Hafen sind eine Sache, die Hitze auf den Parkdecks eine andere. Kein Wunder, dass auf dem Schiff, in den Mannschaftsquartieren den ganzen Tag die Klimaanlage auf Anschlag läuft. Nicht auszudenken, wie warm es dort unten in Äquatornähe wird.

Während wir dann irgendwann am Dienstag Nachmittag aus dem Hamburger Hafen auslaufen, strahlt die Sonne aus vollen Rohren. Bestes Wetter, die leichte Brise der 14 Knoten um die Nase und Hamburg mal von der anderen Seite. Vorbei an der Elbphilharmonie, die immer noch nicht richtig fertig aussieht, an den Landungsbrücken und den Protzbauten von Blankenese. Am „Welcome-Point“ verabschiedet uns ein Lautsprecher mit der italienischen Nationalhymne. Und in die Abendstunden geht es dann hinaus in Richtung Nordsee. Als wir Cuxhaven passieren ist es schon zappen duster.

Die Nacht ist ruhig wie die See. Nichts schwankt. Weder seitwärts, noch in Längsrichtung. Nur das vibrieren der Dieselmotoren überträgt sich auf das Bett unserer Kajüte. Dank Upgrade haben wir es dort relativ komfortabel. Die Owners-Cabin verfügt wie jede der anderen Kabinen über ein eigenes Bad mit Dusche und WC. Den Unterschied macht aber das Doppelbett und der zusätzliche Raum aus. Unsere Kabine ist vergleichbar mit einer kleinen Einzimmer-Wohnung. Wir können uns ganz gemütlich auf vielleicht 20 Quadratmetern ausbreiten. Es geht natürlich auch deutlich weniger komfortabel. Unsere Mitreisenden teilen sich eine Innenkabine mit Stockbett; und das auch noch ohne Fenster. Kein Blick aufs Wasser. Keine Ahnung, ob Tag oder Nacht, ob Sonne oder Regen. Fenster sind schon etwas großartiges. Ich möchte nicht in Isolationshaft sein.

So ruhig wie die See in der Nacht war, genauso zeigt sie sich auch am folgenden Tag. Ein bisschen mehr Wind, der die Offshore-Windparks antreibt, die an uns vorbei wehen, ein bisschen mehr Sonne, als in Hamburg, aber keine einzige Welle. Das Meer mal tiefblau, mal grün, kräuselt sich kein bisschen an der Oberfläche. Mit Ausnahme eines einsamen Schweinswals zeigt sich auch kein Meeresgetier.

So trostlos und langweilig das klingt: Es ist phantastisch! Mit Ausnahme der Motoren gibt es kein einziges Geräusch. Und abgesehen vom ein oder anderen Supertanker am Horizont stört nichts die unendliche Weite des Meeres. Soweit das Deck reicht, drehen wir unsere Runden, ich schmökere im „Zombie Survial Guide“ und Michaela ist in den Reiseführer für Uruquay vertieft. Und genau so dümpelt der Tag vor sich hin. Wie könnte man besser entschleunigen?

Rund 28 Stunden, nachdem wir den Hamburger Hafen verlassen haben, erreichen wir Tilbury, rund eine Zugstunde östlich von London an der Themse gelegen. Ein Hafensonnenuntergang, wie ihn Bob Ross nicht besser hätte malen können. Das ganze Nichtstun des Tages macht müde. Und eigentlich wäre es jetzt Zeit für die Koje. Wenn da nicht der Zoll und der Lademeister wären. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und wieder wird das Schiff verschoben

„Sie glauben doch nicht, dass Ihr Schiff wirklich am 06.09. fährt“, hat die Schiffsagentin gesagt. Und siehe da: es wurde der 08.09., dann der 10.09. und jetzt der 12.09. Wer unsere Seite auch auf Facebook ein bisschen verfolgt, der hat das ewig hin und her ja schon mitbekommen. Warum das so ist, erklären wir in diesem Artikel.

Der Countdown auf unserer Homepage läuft unaufhörlich in Richtung Abfahrt. Immer? Nicht immer, denn manchmal drehen wir ihn auch wieder ein paar Tage rückwärts. Immer dann, wenn sich der Schiffsfahrplan verschiebt. Seit der Buchung unserer Überfahrt bewegen wir uns immer wieder im Korridor 06. September und 31. Oktober. Aber warum ist das so? Gibt es keinen festen Terminplan, das geht doch bei Flügen und Kreuzfahrten auch?

Zunächst einmal liegt das daran, dass wir auf dem Schiff zwar mitfahren, das aber keine Schiffsreise ist. Im Grunde zählen wir und unser Auto schlicht und einfach als Fracht. Und als Fracht buchen wir eine Reise von Hamburg nach Montevideo auf einem bestimmten Schiff, der Grande Angola. Und wer Fracht ist, der hat nunmal keinen Anspruch auf ein bestimmtes Reisedatum. Und eigentlich auch nicht auf ein bestimmtes Schiff. Wir waren mal auf der Grande Sao Paolo gebucht und auch schon auf der Grande Buenos Aires. Nun ist es die Grande Angola. Und wird es hoffentlich auch bleiben.

Kleiner Abstecher mit dem Schiff nach Banjul?

Zurück zur Frage, warum sich das Abfahrtsdatum immer wieder verschiebt. Nun, die Grande Angola fährt immer auf der gleichen Strecke zwischen Hamburg und Südamerika hin und her. Und dabei versucht die Reederei natürlich mit so viel Fracht wie möglich zu fahren. Denn Leerraum auf dem Kutter kostet schlicht und einfach Geld bzw. ist Verschwendung. Stellt man sich vor, dass nun jemand aus Lissabon anruft und fragt, ob die Reederei noch soundsoviel Container oder hundertsiebzehn Mähdrescher von Lissabon nach Banjul mitnehmen würde, dann wäre die Reederei wohl mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn sie diesen kleinen Abstecher nicht machen würde: Lissabon und Banjul liegen ja quasi auf dem Weg. „Auf dem Weg“ ist natürlich relativ, weil das Schiff nicht so schnell schippert, wie der Flieger fliegt. Und deswegen dauert die Überfahrt von Hamburg nach Montevideo halt ein bisschen länger, als geplant. Und weil das Schiff immer im Kreis fährt, verschiebt sich damit auch der nächste Törn.

Ärgerlich ist das für uns nicht wirklich; wir haben es nicht richtig eilig. Auf die paar Tage kommt es uns nicht an. Ärgerlich ist das aber für diejenigen, die nicht wie wir auf dem Frachter mitfahren, sondern nach Uruquay fliegen. Denn je länger die in Montevideo auf ihr Reisemobil warten müssen, desto später geht die Reise los und desto höher werden die Hotelkosten; der Flieger wird ja nicht mitverschoben.

Auf dem aktuellen timetable kann man gut sehen, welche Route unser Schiff voraussichtlich nehmen wird. Die dritte und vierte Spalte zeigt die Grande Angola. Wir werden also voraussichtlich am 12.09. in Hamburg starten und am 16.10. in Montevideo ankommen. Vorausgesetzt, wir machen nicht noch einen Abstecher nach Singapur.

Unser Schiff fährt wieder mal später

Der Timetable unseres Frachters Grande Angola

 

Beitragsbild: Screenshot https://www.youtube.com/watch?v=TjyeLmm01Pk

Was gegen Seekrankheit hilft

„Das wird lustig“, sagte Ingo, ehemaliger Fregatten-Funker mit Übersee-Erfahrung. Das Wichtigste sei die Erkenntnis, dass man sich daran gewöhnt. Nun, wir werden 30 Tage Zeit haben, um uns an die Seekrankheit zu gewöhnen, wenn wir mit dem Schiff nach Uruguay unterwegs sind.  Trotzdem schadet es ja nicht, sich vorher schon mal ein bisschen schlau zu machen, was es mit der Seekrankheit so auf sich hat.

Was ist Seekrankheit eigentlich?

Seekrankheit ist keine Krankheit im klassischen Sinn, sondern eigentlich nur eine Sinnestäuschung. Im Normalfall bringt das menschliche Gehirn alles in Einklang. Alle Sinne, von den Augen bis zur Haut, machen die gleiche Erfahrung und melden diese wie gewohnt an das Gehirn. Bei der Seekrankheit ist das nicht so.

Befindet man sich beispielsweise unter Deck, dann sehen die Augen einen viereckigen Raum. Nichts ungewöhnliches also. Die Muskeln, Füße, Sehnen merken jedoch, dass sich der Raum bewegt und melden selbiges an das Gehirn. Wenn das mal nicht verwirrend ist. Das Gleichgewichtsorgan nimmt die Beschleunigungskräfte in verschiedene Richtungen war, obwohl die Füsse einen festen Boden melden. Die Verwirrung ist perfekt. So – vereinfacht ausgedrückt – entsteht Seekrankheit.

Dass sich das Gehirn daran gewöhnt kann man leicht feststellen, wenn man wieder von Bord ist. In manchen Situationen kurz nach einer Seereise meldet das Hirn schwankende Wände, wenn man abends im Bett liegt, ähnlich einem ordentlichen Rausch. Dann ist es genau umgekehrt: Das Hirn bringt die dann richtigen, falschen Signale durcheinander und suggeriert, dass es jetzt eigentlich eine schaukelndes Bett geben müsse.

Seekrankheit – die Symptome

Unterschiedlich stark sind die Symptome und auch noch bei jedem anders. Bei Frauen kommt es eher dazu, als bei Männern, bei Jüngeren häufiger als bei Älteren, bei Fetten eher als bei Fitten. Manche werden nur Müde, manche Füttern die Fische. Es lässt sich nicht klar definieren, die Wirkung ist letztlich bei jedem anders.

Was kann man dagegen tun?

Brillen mit künstlichem Horizont, Akupunktur, Vitamin C, Ingwer. Alles schon mal gehört, aber nichts hilft nachgewiesen und zuverlässig. Selbst Sliwowitz (Slivovic) soll angeblich helfen, nur die Dosis ist nie genau angegeben. Ob es am Ende die Seekrankheit oder der letzte Schnaps war, der zur Übergabe führte …?

Eine Reihe von Medikamenten gibt es. Die Wirkstoffe Dimenhydrinat, Meclozin, Scopolamin, Flunarizin und Cinnarirzin haben entweder Nebenwirkungen oder sind auf dem deutschen Markt gar nicht mehr erhältlich. Allein Dimenhydrinat, unter anderem enthalten in Vomex A, wird eine gewisse Wirksamkeit nachgesagt – aber eher gegen Übelkeit und Erbrechen, weniger gegen Seekrankheit an sich. Dimenhydrinat ist auch in Kaugummis der Marke Superpep enthalten. Die gibt es in der Apotheke. Vielleicht ist das eine Alternative.

Geheimtipp von der Bundeswehr

Scopoderm. Das ist der Wirkstoff, der in Pflastern enthalten ist, die man sich hinter das Ohr kleben kann. Das Wirkstoffdepot hält rund 48 Stunden an und setzt die Empfindlichkeit des Gleichgewichtsorgans herunter. Damit können zumindest aus dieser Ecke nur noch vermindert falsche Tatsachen an das Gehirn gemeldet werden; die Seekrankheit ist nicht mehr so schlimm. Blöd: Die Pflaster können durchaus Nebenwirkungen haben. Und im Gegensatz zu einer Fregatte der Bundeswehr sind auf einem RoRo-Frachter keine Ärzte an Bord. Zumindest ist das nicht die Regel. Und je nachdem, wie stark die Nebenwirkungen einsetzen, steht man dann vor ganz anderen Problemen. Wer also ein Pflaster gegen Seekrankheit mit an Bord neben möchte, sollte deutlich vorher mit seinem Arzt darüber sprechen und es einfach mal ausprobieren. An Land sind die Nebenwirkungen eh viel erträglicher.

Und was machen wir?

Nach reiflicher Überlegung haben wir beschlossen, doch auf die Pflaster zu verzichten. Wir nehmen Superpep und Vomex A mit an Bord und hoffen auf wenig Seegang und wenig empfindliche Nerven. Und wenn gar nichts mehr geht, dann probiere ich das mit dem Slivovic nochmal aus.

Update: So war es wirklich

Nach 39 Tagen auf dem Schiff können wir jetzt aus erster Hand sagen, wie es wirklich war. Seekrankheit hat nicht zwingend etwas mit Seegang zu tun. Seekrankheit trifft auf, wenn sie will. Auch mal gerne erst, wenn man vier Wochen auf See war. Wir selbst sind zwar verschont geblieben, aber nicht alle unserer Mitreisenden. Wir hatten „Scopoderm TTS“-Pflaster dabei, die man hinter das Ohr klebt. Danach ist Ruhe. homöopathische halfen genauso wenig, wie Armbänder für die Handgelenke. Die Nebenwirkungen der Pflaster beschränkten sich bei unseren Versuchskaninchen auf leichte Kopfschmerzen. Die sind aber immer noch viel erträglicher, als die Seekrankheit.

Was macht man 30 Tage auf dem Meer?

Verschiffung nach Südamerika, was vielleicht passieren wird … Nachdem wir unsere RoRo-Verschiffung nach Montevideo gebucht haben, haben wir uns natürlich auch ein bisschen schlau gemacht, was in den rund 30 Tagen an Bord so alles passieren wird.

Zusammengefasst: Nichts. Oder zumindest nicht viel. Auf einem Frachtschiff zu reisen hat irgendwie so gar nichts mit einer Kreuzfahrt zu tun. Ganz im Gegenteil: Eigentlich gibt es nichts zu tun. Vielleicht ein bisschen auf dem Deck sitzen und links aufs Meer schauen. Und dann ein bisschen rechts aufs Meer schauen. Und dann wieder links. Kein Telefon. Kein Internet. Kein Fernsehen. Kein Radio. Die Verpflegung soll ausgesprochen gut sein. Die Crew, so um die 15 Mann, will ja auch bei Laune gehalten werden. Und die max. 12 Passagiere, die zusammen mit ihren Autos an Bord sind, natürlich auch. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann sind maximal 12 Passagiere an Bord, damit kein Arzt auf dem Schiff sein muss. Diese Kosten spart sich die Reederei natürlich gerne. Also weniger Passagiere, dafür kein Schiffsarzt. Zurück zur Verpflegung: zwei 4-Gänge-Menüs pro Tag. Dazu ein ausgiebiges Frühstück. Das kombiniert mit keiner Bewegung. 30 Tage lang. Gut, dass es wenigstens eine Tischtennisplatte und ein Laufband geben soll. Aber das ist auch von Schiff zu Schiff unterschiedlich.

eBook Frachtschiff nach SüdamerikaApropos unterschiedliche Schiffe. Unsere erste Bestätigung der Frachtschiffreise lautete auf die Grande Francia. Ein RoRo-Containerschiff der Reederei Grimaldi mit 197 Meter Länge. Geplante Abfahrt ab Hamburger Hafen: 25.09.2016. Schon zu Beginn wurde uns aber gesagt, dass sich das im Laufe des Jahres noch mehrfach ändern kann. Zum Beispiel letzte Woche. Jetzt sind wir auf die Grande Gabon gebucht; Abfahrt am 04.10.2016. 211 Meter lang, gebaut 2011, also quasi niegelnagelneu (aktuelle Posititon Grande Gabon).

30 Tage, voraussichtlich mit einem Zwischenstop an der Westküste Afrikas (Dakar) und einem in Brasilien. Brasilien vielleicht sogar mit Landgang. Ansonsten bleibt in diesem Monat auf See viel Zeit zum Lesen, vielleicht zum Spanisch Lernen, vielleicht zum Deck schrubben. Irgendetwas wird uns schon einfallen. Nicht vergessen: Mau-Mau-Karten mitnehmen.

Wie kommt der Defender nach Südamerika?

Unsere vordringlichste Frage: Wie kommt der Defender nach Südamerika. Zwei Möglichkeiten gibt es, soweit bin ich schon:

  • Auto in den Container, Container auf’s Schiff, Schiff nach Südamerika. Und wir mit dem Flieger hinterher.
  • Auto selbst direkt auf’s Schiff fahren, Kabine beziehen, mit dem Schiff (und dem Auto) nach Südamerika fahren.

eBook Frachtschiff nach Südamerika Variante 2, alle mit dem Schiff, ist für mich die Interessantere. Knapp vier Wochen dauert so eine Überfahrt. Und das klingt für mich nach Entschleunigung pur. Vier Wochen ohne Telefon, ohne Internet, ohne Termine. Das klingt sensationell, wenn ich genauer darüber nachdenke.

Michaela findet die Idee nicht so prickelnd. Vier Wochen auf offener See, Stürme, vollaufende Schiffe, Untergang. Klingt ein wenig nach Katastrophenfilm. Nicht sonderlich erquickend. Die Alternative ist aber offensichtlich noch weniger lustig, wenn man Flugangst hat.

Wir beschließen, einen kleinen Ausflug nach Bad Königshofen in Bayern zu machen. Dort ist das jährliche Seabridge-Treffen. Seabridge ist ein Reiseanbieter, spezialisiert auf geführte Übersee-Reisen. Das treffen findet in den Thermen in Bad Königshofen statt. Das hätte mir zu denken geben müssen ;-)

Wir senken den Altersschnitt drastisch. Gefühlt sind wir halb so alt, wie die meisten Anwesenden. Aber irgendwie liegt das ja auch auf der Hand. Wer hat in unserem Alter schon soviel Zeit und Risikofreude, alles hinter sich zu lassen und mindestens ein halbes Jahr – so lange dauern die geführten Seabridge-Touren – alles hinter sich zu lassen. Wir schlagen uns also durch Diavorträge und Fragerunden. Immer wieder die Frage aus dem Auditorium, nach der Reiserücktrittsversicherung. Gibt es keine, wiederholen die Seabridge-Leute gebetsmühlenartig. Auch uns dämmert es so langsam, dass eine Überfahrt mit dem Schiff keine Spassveranstaltung wird, sondern eine Mitfahrt auf einem Frachtschiff. Keine Rücktrittsversicherung! Das Gute ist: Seabridge bietet nicht nur die geführte Tour an, sondern seine Dienstleistung auch als reiner Reisevermittler. Wir neigen also zur reinen Überfahrt ohne Händchenhalten.

Diavortrag beim Seabridge-Treffen

RoRo mit Seabridge

RoRo, Roll-on Roll-off, heißt das Verfahren. Man fährt das Auto selbst auf’s Schiff und bekommt eine Kabine mit oder ohne Fenster. Dann geht es über Dakar nach Montevideo in Uruguay. Und dort fährt man nach einer relativ kurzen Zollprozedur wieder vom Schiff runter. Vorteilhaft ist das verkürzte Zollverfahren. Ist das Auto im Container, dann kann das Ausschiffen schon mal ein paar Tage in Anspruch nehmen. Ist man selbst auf dem Schiff, dann kommt der Zöllner und alles ist in (angeblich) einer knappen Stunde erledigt.

Vorsichtig schleichen wir uns aus dem launigen Vortrag (der geneigte Leser mag hier zwischen den Zeilen stöbern) zum Beratungstisch. Wir würden gerne im kommenden Herbst, vielleicht, eventuell, also unter Umständen, nach Südamerika verschiffen; am Liebsten im September. Ungläubiges Schweigen auf der anderen Tischseite. „Tja, also, im September 2016, da wollen alle. Das wird schwierig!“ Wir hatten uns darauf eingestellt, uns in Bad Königshofen zu informieren. Dass wir die Verschiffung dort schon reservieren würden (müssen), damit hatten wir nicht gerechnet. Scheiß drauf! Worauf warten? Was überlegen? Wir haben die Reise reserviert. Jetzt wird’s ernst.

Den genauen Abfahrtstermin wissen wir natürlich noch nicht. Wir müssen den Schiffsfahrplan abwarten. Wir müssen uns lediglich für eine Kabine entscheiden. Mit oder ohne Fenster? Mit Fenster wird es deutlich teurer – aber wollen wir wirklich 30 Tage ohne Tageslicht in der Kabine sitzen? So eine Reise macht man wohl nur einmal. Dann auch bitte mit Fenster. Irgendwann im November werden wir die verbindliche Buchung bekommen. Und natürlich eine Rechnung. Und dann gibt es quasi keinen Weg zurück. Zumindest nicht im bildlichen Sinne.

Das Seabridge-Treffen war eine unerwartete Erfahrung. Wir hatten mit viel mehr Overlandern im Defender gerechnet. Weniger Reiseluxus, viel mehr Abenteuer. Das will ich den Anwesenden natürlich nicht absprechen. Aber viel waren froh, dass Seabridge eine geführte Tour anbietet. So ganz auf eigene Faust, das ist den meisten (anwesenden) dann doch zu viel Freiheit.

Natürlich hätten wir uns auch selbst um die Verschiffung kümmern können. Wir hätten mit der Reederei verhandeln und alle Papiere selbst besorgen können. Diesen kleinen Luxus gönnen wir uns. Denn schließlich soll unsere Reise nicht mit lauter bürokratischem Quatsch beginnen.